Familie & Gesellschaft

Kindern die Angst vor dem Arzt nehmen

Der Besuch in der Kinderarzt- oder Zahnarztpraxis kann für viele Kinder zu einer Herausforderung werden. Manche weinen schon beim Gedanken daran, andere weigern sich ganz. Was steckt hinter dieser Angst? Und wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, damit Arztbesuche nicht zum Drama werden?
Image
Ein Kind untersucht den Teddy.

Am Dienstagmorgen, als Lena (6) beim Frühstück sitzt, kommen plötzlich die Tränen. Sie habe Bauchschmerzen, sagt sie – aber ihre Mutter weiss: Heute steht ein Zahnarztbesuch an. Schon Wochen vorher hatte Lena gegrübelt, ob es wehtun würde, ob sie eine Spritze bekommt, ob sie alleine ins Zimmer muss. Wie viele Kinder entwickelte Lena eine ausgeprägte Angst vor dem Unbekannten – vor Schmerz, Kontrollverlust und der Reaktion der Erwachsenen.

Warum Kinder Angst vor dem Zahnarzt- oder Arztbesuch haben

Rund 40 Prozent der Kinder weltweit zeigen Angst vor medizinischen Eingriffen. Beim Zahnarzt liegt der Anteil sogar zwischen 36 und 57 Prozent. Häufig liegt es nicht an einem konkreten Erlebnis. Vielmehr ist es das Fremde: die weissen Kittel, die grellen Lampen, das Geräusch des Bohrers. Gerade Kleinkinder können Erklärungen noch nicht rational verarbeiten. Sie nehmen feine Stimmungen wahr – und wenn Eltern selbst nervös oder angespannt sind, spüren sie das.

Ab etwa drei Jahren können Kinder spielerisch auf Arztbesuche vorbereitet werden. Zum Beispiel, indem sie ihr Kuscheltier untersuchen dürfen oder eine Geschichte über den Arztbesuch hören. Wichtig ist, dass Eltern ehrlich bleiben: Statt «Das tut nicht weh» lieber sagen: «Es zwickt vielleicht kurz, aber wir machen das gemeinsam.» Einfühlsame Aufklärung stärkt das Vertrauen und wer weiss, was auf ihn zukommt, hat weniger Angst.

Arztphobie altersentsprechend begleiten

Ein Vorschulkind braucht etwas anderes als ein Teenager. Kleine Kinder möchten die Hand ihrer Eltern halten und das «Nuschi» oder Kuscheltier dabei haben. Sie beruhigen sich oft durch Körperkontakt oder bekannte Rituale. Schulkinder hingegen profitieren von konkreten Absprachen: Was passiert genau? Wie lange dauert es? Gibt es eine Pause? Ein Codewort wie «Stopp» kann helfen, Kontrolle zu behalten. Jugendliche schätzen es, wenn sie mitentscheiden dürfen – zum Beispiel, ob ein Elternteil mit ins Behandlungszimmer kommt oder nicht.

Eltern haben eine zentrale Rolle bei der Begleitung ihrer Kinder zu Arztbesuchen.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, unterstützen Eltern ihr Kind am besten, wenn sie stabil sind, ruhig und klar bleiben. Dafür ist es wichtig, sich der eigenen Gefühle und Reaktionen bewusst zu sein. Welche Gefühle löst ein Arzt- oder Zahnarztbesuch bei einem selbst aus? Möglicherweise lohnt es sich, Strategien zu erarbeiten, die helfen, in stressigen Situationen ruhig und gelassen zu bleiben, um die kleinen Patient*innen gut zu begleiten.

Was tun, wenn das Kind sich weigert?

Bei anhaltender Angst hilft manchmal ein offenes Gespräch. Hat das Kind schlechte Erfahrungen gemacht? Fühlt es sich überfordert oder unverstanden? Es ist wichtig, die Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben, etwa indem Eltern die Gefühle benennen. Altersentsprechend können Eltern nach Lösungen suchen. Sie können zum Beispiel fragen, was hilft, damit sich das Gefühl entspannen kann und die Angst kleiner wird. Oder was das Kind braucht, um sich wohler zu fühlen. 

Weigert sich das Kind, sollte man, falls möglich, den Termin verschieben – und in der Zwischenzeit gemeinsam Wege suchen, die Angst zu mildern. Vielleicht hilft ein Praxiswechsel oder eine vorbereitende Geschichte, etwa ein Bilderbuch oder ein Hörspiel. Studien zeigen, dass eine Vorbereitung bei der Hälfte der Kindern eine positive Wirkung erzielt. Zwang ist selten hilfreich – Verständnis, Zeit und kleine Schritte hingegen schon.

Wenn die Ängste so stark werden, dass Termine dauerhaft verweigert werden, kann eine psychologische Beratung helfen. Vor allem, wenn bereits körperliche Symptome wie Bauchweh oder Schlafprobleme auftreten. Der Kinderarzt oder die Kinderärztin kann an eine geeignete Stelle überweisen. Je früher Unterstützung geholt wird, desto besser. Denn eine unbehandelte Arztphobie kann bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Die Angst beim Arzt oder Zahnarzt ansprechen

Eltern haben eine zentrale Rolle bei der Begleitung ihrer Kinder zu Arztbesuchen. Sie dürfen kritisch sein, Fragen stellen und den Mut haben, wenn nötig während der Behandlung fürs Kind Grenzen zu setzen. Trotzdem scheuen sich viele, die Angst ihres Kindes in der Praxis anzusprechen. Vielen Kindern hilft es auch, wenn sie einbezogen werden: «Lena, du hast ein bisschen ein mulmiges Gefühl gerade – stimmt's? Magst du erzählen, wovor genau?» Es kann enorm helfen, wenn die Fachperson weiss, dass das Kind ängstlich ist und wovor es sich fürchtet. So kann sie sensibel reagieren und zu einer positiven Erfahrung beitragen.

Tara & Pips – Mutmacher-App

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein Kinderstark. Dessen Audio-App «Tara & Pips» bereitet Kinder spielerisch auf medizinische Eingriffe vor. Mit fantasievollen Hörgeschichten in sieben Sprachen lernen Kinder ihre Angst besser zu verstehen und sich beim Arztbesuch sicherer zu fühlen. Meditative Traumreisen stärken das Selbstvertrauen der Kinder. Für Eltern gibt es einen separaten Elternbereich mit wertvollen Tipps. Mehr über die App erfahren Sie in diesem Video.

Download on the App StoreGet it on Google Play
Jetzt spenden