Familie & Gesellschaft

Hilfreiche Strategien für den Umgang mit starken Gefühlen

Was tun, wenn sich das Kleinkind vor Frust in Rage weint, das Kindergarten- oder Schulkind wegen einer Kleinigkeit explodiert oder der erste Liebeskummer die Welt des Teenagers zusammenbrechen lässt? Erkunden Sie unsere Sammlung bewährter Strategien.
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Gefühlsregulation von Kindern und Jugendlichen

Ob Angst, Wut, Ärger, Trauer, Frust, Eifersucht, Schuldgefühle, Scham, Enttäuschung, Unsicherheit oder generelle Unruhe – wir Menschen sind nebst positiv erlebten Gefühlen tagtäglich mit unterschiedlichen Emotionen konfrontiert, die wir als unangenehm oder belastend empfinden. Diese Gefühle können uns überwältigen und uns in unserem Denken und Handeln einschränken. Eltern und andere Bezugspersonen können in solchen Momenten eine wichtige Stütze sein. Denn Kinder und Jugendliche müssen den Umgang mit Gefühlen bis ins Erwachsenenleben schrittweise erlernen und Strategien trainieren.

Doch was hilft Kindern und Jugendlichen, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen und sich zu beruhigen? Es gibt ganz viele unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Man nennt sie auch Skills oder Coping-Strategien (aus dem Englischen «to cope with»). Was konkret hilft, ist von Person zu Person verschieden. Nicht jedes Kind spricht auf dieselbe Strategie an. Dem einen Kind hilft eher Ablenkung, dem anderen Bewegung. Zudem können sich Coping-Strategien abnutzen. Deshalb ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche verschiedene Skills kennenlernen. 

Nachfolgend haben wir ganz viele Bewältigungsstrategien gesammelt. Die Altersangaben dienen der Orientierung. Möglicherweise hilft auch ein Tipp für jüngere Kinder einem älteren Kind sehr gut. Oder ein jüngeres Kind kann schon Strategien für ältere Kinder anwenden.

Sammlung von Bewältigungsstrategien

Strategien für Babys

Im ersten Lebensjahr sind Babys sehr stark auf Unterstützung durch Erwachsene angewiesen, um ihre Emotionen zu regulieren. Die Eltern müssen die Bedürfnisse ihres Kindes erkennen und ernst nehmen, es trösten und ihm soviel Unterstützung geben, wie notwendig ist. 

  • Körperkontakt: Babys beruhigen sich durch Körperkontakt. Nehmen Sie das Baby hoch, streicheln Sie es oder legen Sie beispielsweise ihre Hand auf seine Brust. Viele Babys mögen es, im Tragetuch oder der Babytrage nah an den Eltern zu sein.
  • Geräusche: Sprechen Sie mit Ihrem Baby, passen Sie dabei die Stimmlage und Lautstärke an. Auch Singen oder Summen mögen die meisten Babys. Manchen Babys helfen auch sogenannt weisses Rauschen oder andere Geräusche, welche es an die Geräusche in Mamas Bauch erinnern. Dies kann durch den Dampfabzug simuliert werden, es gibt aber auch entsprechende Apps oder Plüschtiere.
  • Bewegung: Schaukeln oder Wippen beruhigt viele Babys. Auch das Ruckeln des Kinderwagens oder zu Hause das Schaukeln in der Babyhängematte respektive Federwiege mögen viele Babys.
  • Bedürfnisse erkennen: Hat das Baby Hunger oder ist es müde? Braucht es eine frische Windel oder macht ihm etwas Angst? Versuchen Sie, die Bedürfnisse Ihres Kindes zu verstehen und angemessen zu erfüllen. Hat es beispielsweise vor etwas Angst, sollten Sie mit ihm von der Quelle der Angst weggehen. Fremdet es, können Sie ihm durch Körperkontakt Nähe und Sicherheit vermitteln.
  • Eigenregulation: Durch Saugen, etwa beim Stillen oder wenn das Baby am Nuggi oder Daumen nuckelt, machen Babys erste Erfahrungen der Selbstregulation.

Strategien für Kleinkinder

Kleinkinder sind nach wie vor stark auf die Co-Regulation der Erwachsenen angewiesen. Mit Beginn der Autonomiephase gelangen sie zudem in eine Phase, in der sie mit besonders starken Gefühlen konfrontiert sind. Sie brauchen viel Unterstützung, um die heftigen Gefühle kennenzulernen, auszuhalten und den Umgang damit zu erlernen.

  • Verbalisieren: Fassen Sie Gefühle in Worte, etwa wenn das Kind weint, weil es Hunger hat. Nehmen Sie alle Gefühle ernst und zeigen Sie, dass alle Gefühle okay sind. Schauen Sie mit dem Kind Bilderbücher an und thematisieren Sie Gefühle anhand der Bilder.
  • Grenzen aufzeigen: Vermitteln Sie Regeln, was bei starken Gefühlen okay ist und was nicht. Zeigen Sie Alternativen zu beissen, schlagen, treten oder anderen unerwünschten Verhaltensweisen. Wiederholen Sie diese Regeln so oft wie nötig.
  • Bewegung: Vielen Kindern hilft es, wenn sie Spannung oder starke Gefühle körperlich abbauen können: Sie können beispielsweise stampfen (an einem Ort, wo es okay ist), laufen, klatschen oder tanzen.
  • Kuscheltier oder Nuschi drücken
  • In Kissen beissen, schreien oder boxen
  • Zeitungen zerreissen
  • Gefühl vorstellen: Wo sitzt das Gefühl? Wie sieht es aus? Vielleicht hat das Kind eine Gewitterwolke im Bauch. Fragen Sie es: «Was könnte dir helfen, damit wieder die Sonne scheint?»
  • Gefühl zeichnen: Je nach Gefühl braucht es vielleicht ein besonders grosses Papier oder Stifte wie Wachsmalstifte, mit denen stärker gedrückt werden darf.
  • Gefühlsbox zusammenstellen: Stellen Sie gemeinsam mit dem Kind eine Box oder einen Beutel zusammen mit Gegenständen, die ihm helfen. Das kann beispielsweise ein Gegenstand zum Drücken, etwas zum Zerreissen und etwas zum Reinboxen sein.
  • Gefühlskarten: Falls das Kind Mühe hat, seine Gefühle zu verbalisieren, könnten ihm einfache Gefühlskarten helfen, mit denen es das Gefühl zeigen kann.
  • Ablenkung: Beispielsweise etwas nach Farben oder Formen sortieren, zum Beispiel die Kuscheltiere, Duplo-Klötze oder andere Gegenstände.

Strategien für Kindergartenkinder

Im Kindergartenalter erwerben Kinder wichtige soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten. Zudem stehen viele Veränderungen an. Umgangssprachlich nennt man diese Zeit auch Wackelzahnpubertät. Verschiedene Strategien können den Kindern in dieser turbulenten Phase helfen:

  • Rückzugsort: Richten Sie gemeinsam mit dem Kind einen Rückzugsort ein. Das muss nicht zwingend im eigenen Zimmer sein. Auch eine Nische im Elternschlafzimmer oder gemeinsamen Kinderzimmer kann sich dafür eigenen. Wichtig ist, dass sich das Kind dort wohlfühlt.
  • Bewusstes Atmen: Wer sich auf den Atem konzentriert, kann zur Ruhe kommen, Stress reduzieren und so schwierige Situationen besser bewältigen.
  • Darüber reden lernen: Erwachsene können das Kind ermutigen, über seine schwierigen Gefühle zu sprechen: «Magst du erzählen, was war?» Sie können es nach seinen Wünschen und Bedürfnissen in dieser Situation sowie nach Lösungsideen fragen.
  • Bewegung: Alle Formen der Bewegung helfen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Manche Kinder springen gerne auf einem Trampolin oder einer Hüpfmatte, andere rennen lieber ums Haus, prellen einen Ball oder tanzen zu Musik. Probieren Sie aus, was Ihrem Kind hilft.
  • Saug- und Kaubedürfnis: Viele Kinder regulieren ihre Emotionen noch über Kauen und Saugen, oft an Pulliärmeln oder ähnlichem. Alternativ gibt es Beissketten für ältere Kinder, die sie immer dabeihaben können. Kinder können damit bewusster den emotionalen Stress regulieren und die Kleidung leidet weniger.
  • Kneten oder Matschen: Mit den Händen etwas zu machen, kann hilfreich sein. Das kann im Sandkasten sein, zu Hause mit Zaubersand, Knete, Slime, Fingerfarben, einem Anti-Stressball oder beim Brot- und Zopfbacken.
  • Kreative Tätigkeiten: Viele Kinder im Kindergartenalter mögen es, mit Bügelperlen ein Bild zu machen oder einen Scherenschnitt zu schneiden. Andere bauen gerne etwas mit Lego oder Magneten. Solche Tätigkeiten können auch bei der Bewältigung von Gefühlen wie Ängsten oder Trauer helfen.
  • Grimassen schneiden
  • Etwas Schweres hin- und herschieben oder ziehen
  • Sinne aktivieren: An Gewürzen riechen. Musik, Geräusche oder Meditation hören. Etwas besonders Saures oder Bitteres in den Mund nehmen. Kaltes oder warmes Wasser über Arme oder Beine laufen lassen. In der Badewanne oder draussen planschen.

Strategien für Schulkinder

Im Primarschulalter haben manche Kinder schon erfolgreiche Strategien für sich entdeckt. Oft sind sie aber noch nicht gefestigt. Zudem bringen Stress und Leistungsdruck neue Herausforderungen mit sich, welche allenfalls neue Coping-Strategien benötigen.

  • Sich ablenken: Sich abzulenken zählt zu den wirkungsvollsten Möglichkeiten, um aus einem bedrückenden Gefühlszustand herauszufinden. Je nach Interesse des Kindes kann das mit Musik (hören oder selber spielen), einem Buch oder Hörspiel sein. Andere Kinder spielen lieber mit dem Haustier, gehen spazieren, machen ein Puzzle, ein Knobelspiel wie zum Beispiel IQ Mini oder ein Gesellschaftsspiel.
  • Ampelsystem: Gestalten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine Ampel. Damit kann es ohne Worte sagen, wie es ihm geht. Grün steht für «Mir geht es gut», gelb heisst «Ich bin gestresst oder angespannt» und rot bedeutet «Ich brauche Unterstützung».
  • Bewegung: Treppe hoch- und runterlaufen, tanzen, schütteln, hüpfen, in einen Boxsack boxen oder andere Formen von Bewegung und Sport. Auch ein Spaziergang in der Natur kann guttun.
  • Ballon aufpusten – und allenfalls platzen lassen
  • Innerlich bis zehn zählen
  • Einen Stress- oder Quetschball kneten
  • Kalt duschen hilft, sich selbst zu spüren, wenn Gefühle sehr mächtig sind.
  • Entspannung: Kinder im Schulalter können verschiedene Formen der Entspannung ausprobieren. Je nach Charakter funktioniert vielleicht die tiefe Bauchatmung gut, angeleitete Meditation oder die progressive Muskelentspannung. Auf Spotify oder YouTube gibt es entsprechende geführte Sequenzen. Auch Bodypercussion, das Liegen auf einer Akkupressurmatte oder Balanceübungen können helfen, Ruhe in den Körper zu bringen.
  • Reden: Ermutigen Sie Ihr Kind, Gefühle zu benennen und mit anderen darüber zu sprechen. Das muss nicht zwingend mit Ihnen als Eltern sein. Mit zunehmendem Alter tauschen sich Kinder lieber mit Gleichaltrigen aus. Auch die Lehrperson, die Schulsozialarbeit, Nachbarn oder andere Verwandte können wichtige Vertrauenspersonen sein.
  • Tagebuch schreiben
  • Etwas herstellen: Vielleicht zeichnet, malt oder bastelt das Kind gerne. Oder es backt gerne ein Brot oder einen Zopf – und knetete zuvor den Teig von Hand. Auch im Garten zu helfen und in der Erde zu wühlen kann zur Bewältigung schwieriger Gefühle beitragen. Andere bauen lieber eine Hütte im Wald.

Strategien für Jugendliche

Jugendliche kennen vielfach Strategien zum Umgang mit Stress und schwierigen Gefühlen. Die Hormonachterbahn in der Pubertät und die Suche nach der eigenen Identität können jedoch bewirken, dass Jugendliche starken, wechselnden Gefühlen ausgesetzt sind. Dinge, die früher geholfen haben, wirken möglicherweise plötzlich nicht mehr. Jugendliche machen zudem viel mehr mit sich selbst aus oder wenden sich an Gleichaltrige, anstatt mit den Eltern zu sprechen. 

Auf der Webseite von 147 haben wir mögliche Bewältigungsstrategien für Jugendliche und junge Erwachsene gesammelt. Werfen Sie einen Blick darauf und ermutigen Sie Ihr Kind, einige davon auszuprobieren. Teilen Sie den Link und machen Sie sich Spick-Zettel mit Strategien, die sich für Ihre Familie als hilfreich erwiesen haben. Auch wenn Ihr Kind weniger den Kontakt zu Ihnen als Eltern sucht, ist es wichtig, dass Sie als Eltern da sind. Zeigen Sie Präsenz und interessieren Sie sich für die Welt Ihres jugendlichen Kindes.

Bewältigungsstrategien müssen geübt werden

Wichtig: Strategien zur Emotionsregulation sollten stets in einer entspannten und ruhigen Situation gemeinsam besprochen werden. Unabhängig vom Alter müssen diese Strategien immer wieder geübt werden. Nur so können Kinder sie auch dann anwenden, wenn die Gefühle sehr stark sind. Das braucht viel Zeit sowie Geduld und gelingt nicht von heute auf morgen. Es ist normal, dass Rückfälle passieren und Kinder manchmal wieder in alte Muster zurückfallen oder sich hilflos fühlen, wenn sie von Gefühlen überwältigt werden.

Wenn es Kindern noch schwerfällt, mit starken Gefühlen umzugehen, brauchen sie besonders viel Verständnis, Nähe und Unterstützung von ihren Eltern. 

Strafen helfen in solchen Situationen nicht und sollten vermieden werden. Es ist wichtig, dass Kinder wissen: Fehler sind erlaubt. Aus ihnen kann man lernen und dadurch immer besser mit den eigenen Gefühlen umgehen. Vielleicht braucht es auch situative Unterstützung. Das kann zum Beispiel ein vereinbartes Zeichen sein, das dem Kind hilft, sich an eine bestimmte Strategie zu erinnern.

Kinder kopieren Strategien der Eltern

Eltern sind zudem wichtige Vorbilder für ihre Kinder. Wie gehen Sie mit starken Gefühlen um? Welche Strategien wenden Sie an, wenn sie wütend, traurig oder besorgt sind? Gibt es vielleicht Gefühle, die Sie selbst kaum aushalten oder zulassen können und die Sie deshalb auch beim Kind schwer aushalten können? Es ist für Kinder lehrreich, wenn Erwachsene ihre eigenen Emotionen verbalisieren und erklären, welche Bewältigungsstrategien ihnen helfen. 

Falls die angewendeten Strategien nicht konstruktiv sind, dürfen auch Erwachsene neue Strategien ausprobieren, um hilfreichere Wege im Umgang mit Gefühlen zu erlernen. Dabei geht es nie darum, Gefühle zu unterdrücken oder sie möglichst rasch zu kontrollieren. Alle Emotionen sind erlaubt und dürfen da sein. Kinder lernen viel, wenn sie sehen, wie ihre Eltern verantwortungsvoll mit eigenen starken Gefühlen umgehen. Dazu gehört auch, sich selbst und anderen nach einer emotionalen Phase zu verzeihen und daraus zu lernen.

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