Entwicklung & Gesundheit

Wenn Corona auf die Psyche schlägt

Nach wie vor dominiert Corona unserer Leben. Die Situation schlägt auf die Psyche und depressive Verstimmungen nehmen zu. Alessandra Weber, Geschäftsführerin Kinderseele Schweiz, gibt konkrete Tipps, um das Leben während der Corona-Pandemie besser zu bewältigen.
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Traurige Frau sitzt auf dunklem Hausflurboden.

Der Alltag mit Corona verlangt den Leuten viel ab. Es macht sich eine spürbare Erschöpfung und Entmutigung breit. Das Virus ist heimtückisch und unberechenbar und macht vielen Angst. Wie geht man mit depressiven Stimmungen und Angstgefühlen um, die diese Situation auslöst? 

Alessandra Weber: Ja, im Moment geht es vielen Menschen so. Nur schon zu wissen, dass ich nicht allein bin und viele diese Gefühle teilen, ist hilfreich. Am besten ist, sich mitzuteilen und mit anderen darüber zu reden. Erdrückende Gefühle und Ängste entwickeln oft eine Eigendynamik, wenn wir versuchen, sie «unter dem Deckel zu halten». Sobald wir ehrlich dazu stehen, findet diese aufgestaute Energie ein Ventil, der Druck lässt nach. 

Gerade auch Eltern stehen unter enormem Druck. Die Familie ist viel mehr auf sich zurückgeworfen und es fehlt an Abwechslung und sozialen Kontakten. Wie begegnet man Gefühlen von Überforderung, Einsamkeit und Isolation oder Frust und Aggression?  

Alessandra Weber: Auch hier gilt: sich offen einzugestehen, dass diese Gefühle einem das Leben schwermachen. Mit dem Partner, der Partnerin darüber sprechen, Freunde anrufen und sich überlegen, was helfen könnte. In welchen Momenten fühle ich mich besser? Wenn ich an der frischen Luft bin? Wenn ich Musik höre? Wenn ich auch im Homeoffice meine Lieblingsbluse anziehe? Gibt es noch mehr solche Kleinigkeiten, die ich in meinen Alltag einbauen kann?  

Was passiert, wenn auch das nicht hilft? Welche Strategien können helfen, den Boden unter den Füssen zu behalten? 

Alessandra Weber: Vielfach trauen wir uns leider nicht, andere um Hilfe zu bitten. Dabei helfen die meisten Menschen gerne. Besonders jetzt. Familien, denen der Alltag über den Kopf wächst, sollten in ihrem Umfeld um Hilfe bitten. Beispielsweise verbringt der Sohn jeden Dienstagnachmittag bei seinem besten Freund, damit die Eltern in Ruhe im Homeoffice arbeiten können. Oder die Eltern nehmen einen Tag frei, wenn die Kinder wie gewohnt in der Kita, im Kindergarten oder in der Schule sind und geniessen Zeit zu zweit.  

Am besten ist, sich mitzuteilen und mit anderen darüber zu reden.

Das mag vorübergehend helfen. Doch diese Pandemie dauert schon lange an und ein Ende ist nicht in Sicht. Wie schafft man es, sich dadurch nicht unterkriegen zu lassen?  

Alessandra Weber: Es ist normal, dass uns zwischendurch wegen dieser Situation die Decke auf den Kopf fällt. Kaum jemand hat es durch die vergangenen Monate geschafft, ohne einige Tage oder gar zwei, drei Wochen antriebslos und frustriert zu sein. Ängste sind eine natürliche Reaktion. Das darf so sein. Ich finde, da müssen wir uns nicht sofort dagegen wehren. Auch diese Gefühle haben ihre Berechtigung. Wenn bedrückende Gefühle und Gedanken schon mehrere Wochen andauern, komplett Überhand nehmen und Dinge, die sonst helfen, kaum Entlastung bringen, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Zusammen mit Fachleuten werden Lösungen gesucht, um dieser Krise zu überwinden.  

Die meisten von uns haben Mühe, sich wegen psychischer Probleme an eine Fachperson zu wenden. Wie reagiert man, wenn jemand grosse Vorurteile gegen psychotherapeutische Hilfe hat? 

Alessandra Weber: Leider haben immer noch viele Menschen schräge Vorstellungen über psychische Erkrankungen. Hegt jemand solche Vorurteile und leidet nun selbst psychisch, ist es natürlich ein grosser Schritt, sich an eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu wenden. Wer will schon schräg sein? Genauso wie wir körperlich erkranken, können wir alle auch psychisch krank werden. Bloss für eine körperliche Krankheit schämt sich interessanterweise kaum jemand. Psychische Erkrankungen sind häufig, sie sind behandelbar und die meisten Betroffenen werden wieder gesund. Entscheidend ist, dass man sich Hilfe holt. Je früher ein psychisches Leiden erkannt und behandelt wird, umso schneller ist man in der Regel wieder gesund. 

Falls Sorgen und Nöte Überhand nehmen. Wie können Familienmitglieder, Verwandte und Freunde unterstützend wirken, ohne Druck auszuüben und die Sache noch zu verschlimmern? 

Alessandra Weber: Das Problem ansprechen und Hilfe anbieten. Behutsam und nicht im Sinne von: «Ich sehe doch, dass es dir mies geht, jetzt lass dir gefälligst endlich helfen!» Für die meisten Angehörigen und Freunde von psychisch belasteten Menschen ist diese notwendige Behutsamkeit gar nicht so einfach. Es tut weh, einen geliebten Menschen leiden zu sehen. Und es kann ungeduldig, hilflos oder wütend machen, wenn die betroffene Person nicht darüber sprechen, nicht handeln oder keine Hilfe annehmen will. Leider kann ich in einer solchen Situation nur zur Geduld raten. Immer wieder vorsichtig ansprechen, was man beobachtet, welche Sorgen man sich macht. In der Hoffnung, dass sich die Person irgendwann öffnet. Erzwingen kann man nichts. 

Wie schafft man ein Gleichgewicht von Unterstützung und Abgrenzung, damit man nicht selbst in eine Negativspirale gerät? 

Alessandra Weber: Das ist eine ganz wichtige Frage, denn Gefühle sind «ansteckend». Natürlich bekomme ich nicht selbst eine schwere Depression, nur weil mein Partner eine hat. Doch depressive Stimmungen oder Ängste sind für Mitmenschen spürbar. Besonders in einer Familie, wo man jetzt mehr Zeit als sonst miteinander verbringt, können sich bedrückende oder ängstliche Gefühle leicht übertragen. Trotz mitfühlen und mitschwingen, sollte man sich immer wieder bewusst machen, dass man zuhören und Hilfe anbieten kann. Die «Hauptarbeit» muss von der leidenden Person selber gemacht werden. Sie ist verantwortlich dafür, dass es ihr wieder bessergeht, niemand sonst. Auch das Befinden der anderen Familienmitglieder ist wichtig. Oft dreht sich alles nur noch um die erkrankte Person. Die Bedürfnisse der anderen fallen komplett über Bord. Indem man Zeitfenster reserviert für das, was jedem guttut, gibt man bewusst Gegensteuer. 

Kinderseele Schweiz ist eine langjährige Partnerin von Pro Juventute beim Einsatz für das Wohl von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Kinderseele Schweiz ist spezialisiert auf Familien mit einem psychisch belasteten Elternteil. 

Im Auftrag von Pro Juventute hat Alessandra Weber, Kinderseele Schweiz, die drei Broschüren zum Thema «Psychisch kranke Eltern» inhaltlich überarbeitet.