Entwicklung & Gesundheit

Krisen belasten Kinder und Jugendliche - wie damit umgehen?

Seit über zwei Jahren leben wir praktisch ununterbrochen in einer Krisensituation. Das hat Folgen. Immer mehr Kinder und Jugendliche entwickeln Ängste. Die psychische Belastung auf sie und ihre Familien hat stark zugenommen. Tipps, um die Situation besser zu bewältigen.
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Mutter ist für ihren Sohn da.

Klima-Krise. Corona-Krise. Ukraine-Krieg. Eine Krise folgt auf die nächste, kaum trauen wir uns aufzuatmen, wird uns schon wieder der Atem geraubt. Die Krisen beginnen sich zu überlappen. «Was wir erleben ist eine Multikrise, die Angst macht, die Unsicherheit bringt und die Ressourcen kostet», sagt Katja Schönenberger, Direktorin von Pro Juventute. Folgen der mehrfachen Krise werden im Alltag immer spürbarer: Lieferketten können nicht mehr gewährleistet werden. Die Treibstoff- und Energiepreise steigen in ungeahnte Höhen. Die Inflation schmälert unsere Kaufkraft. 

Ängste bei Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche spüren die Auswirkungen der Krisen besonders stark. Da sie sich noch in der Entwicklung befinden, sind sie besonders verletzlich. Sie haben noch kaum Strategien, um mit Stress, Angst und Krisen umzugehen. Speziell gefährdet sind Jugendliche. Mit der Pubertät müssen sie bereits eine grosse Entwicklungsaufgabe bewältigen. Krisen wie die Pandemie oder der Krieg verstärken ihre Unsicherheit. Die Ablösung von den Eltern wird schwieriger.

«Diese Multikrise ist unglaublich belastend für Kinder und Jugendliche und eine Gefahr für ihre gesunde psychische Entwicklung. Sie haben Angst, sie wissen nicht, was sie in Zukunft erwartet», betont Katja Schönenberger. Die Beratungen zum Thema Angst haben beim 147, der Beratung und Hilfe für Kinder und Jugendliche, im ersten Quartal 2022 um 30 Prozent zugenommen, jene zum Thema Suizid um 10 Prozent. Es gibt mehr Beratungen zu schwerwiegenden und komplexen Themen. Die Heranwachsenden sorgen sich etwa, die Anforderungen im Alltag nicht mehr bewältigen zu können, keine Lehrstelle zu finden oder haben Angst vor Einsamkeit. 

Diese Multikrise ist unglaublich belastend für Kinder und Jugendliche und eine Gefahr für ihre gesunde psychische Entwicklung. Sie haben Angst, sie wissen nicht, was sie in Zukunft erwartet.

Psychische Belastung in Familien steigt

In Krisen sind Kinder und Jugendliche noch viel mehr auf ihre Bezugspersonen angewiesen. Als wichtigste Bezugspersonen sind die Eltern in hohem Masse gefordert. Sie sollen den Kindern und Jugendlichen eine Stütze sein, da sein für ihre Sorgen und Ängste und stets einen kühlen Kopf wahren. Dabei geht gerne vergessen, wie hoch die Belastung für Familien schon in normalen Zeiten ist. 

Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben die Belastung zusätzlich erhöht: Bei vielen hat sich das Familiengefüge verändert, familiäre Konflikte haben zugenommen, Zukunftssorgen beschäftigen nicht nur Jugendliche, sondern auch ihre Eltern. Sind jedoch Bezugspersonen durch Krisen selbst stark belastet, können sie nicht so für ihre Kinder da sein, wie diese es bräuchten.

Fehlende Therapieplätze

Dass viele Familien mit der lang anhaltenden Unsicherheit überfordert sind, spüren auch die Fachstellen. Schweizweit fehlt es an Therapieplätzen und auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Selbst wer dringend eine Therapie bräuchte, wartet zum Teil sehr lange. 

«Die ganze Kette an Angeboten, die Kinder und Jugendliche unterstützen sollte, ist überlastet», beobachtet die Pro Juventute-Direktorin, «auch die Nachfrage nach unseren Beratungs-Angeboten steigt und steigt.» Die Eltern machen sich etwa Sorgen, dass das Kind sich zurückzieht, nicht mehr mit ihnen spricht, in der Schule nicht mitkommt oder das soziale Umfeld verliert. 

Da für Sie

Umso wichtiger sind derzeit niederschwellige Beratungsangebote wie die Pro Juventute Elternberatung und die Beratung für Kinder und Jugendliche 147.ch. Katja Schönenberger: «Pro Juventute tut alles, damit sich Kinder und Jugendliche trotz Multikrise psychisch gesund entwickeln können. Wir möchten sie in ihren Ressourcen stärken, damit sie auf Krisen reagieren können.»

Tipps für Eltern

  • Über Ängste reden: Werden Gefühle und Ängste unter Verschluss gehalten, können diese eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Meist wird die Last auf den Schultern schon etwas kleiner, wenn wir darüber sprechen. Zudem haben Kinder feine Antennen. Sie spüren, wenn Eltern Sorgen oder Ängste haben.
  • Um Hilfe bitten: Droht Ihnen alles über den Kopf zu wachsen, sollten Sie in Ihrem Umfeld um Hilfe bitten. Scheuen Sie sich auch nicht davor, professionelle Hilfe zu beantragen, besonders wenn bedrückende Gefühle oder Gedanken längere Zeit den Alltag überschatten.
  • Unterstützung anbieten: Machen Sie sich Sorgen um Ihr Kind, Ihre Partnerin oder Ihren Partner, sollten Sie Ihre Beobachtungen behutsam ansprechen. Signalisieren Sie: Ich bin da für dich. Bieten Sie an, gemeinsam Hilfe zu organisieren. Machen Sie aber keinen Druck, bleiben Sie geduldig, denn erzwingen lässt sich nichts.
  • Normalität wahren: Klare Strukturen, ein geregelter Tagesablauf und Rituale helfen, in Krisen Normalität zu wahren. Planen Sie auch Zeiten zur Entspannung und Erholung ein, um das Energielevel zu steigern.
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