Entwicklung & Gesundheit

Mein Kind verletzt sich selbst

Selbstverletzendes Verhalten kann bei unterschiedlichen psychischen Belastungen vorkommen. Für Eltern ist es oft nicht leicht, die Anzeichen richtig einzuordnen oder angemessen zu reagieren. Erfahren Sie, wie Sie das Thema behutsam ansprechen können und wo Sie und Ihr Kind Unterstützung finden.
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Ein trauriges Mädchen sitzt auf der Treppe.
© depositphotos/toxawww

Selbstverletzendes Verhalten ist keine eigenständige Erkrankung. Es ist ein Symptom, das bei verschiedenen psychischen Belastungen auftreten kann. Selbstverletzung kann im Rahmen einer psychischen Erkrankung wie Depressionen, einer Borderline-Störung oder Autismus vorkommen. Es kann aber auch ein Versuch sein, schwierige Gefühle zu bewältigen, ohne dass eine psychische Erkrankung besteht. 

Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität

Fachpersonen sprechen von «Nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten». Dieser Ausdruck bezieht sich auf absichtliche Handlungen, die zur Verletzung des eigenen Körpers oder zur Zufügung von Schmerzen führen, ohne dass die Absicht besteht, das eigene Leben zu beenden. Manchmal ist es allerdings schwierig, selbstverletzendes Verhalten von einem Suizidversuch abzugrenzen. Denn es dient auch als Strategie für den Umgang mit Suizidgedanken. Zudem ist selbstverletzendes Verhalten langfristig ein Risikofaktor für Suizidalität. Deshalb ist es wichtig, bei Selbstverletzungen auch nach Suizidabsichten zu fragen. 

Mehr Mädchen betroffen als Jungen

Ca. 17 Prozent der Jugendlichen weltweit verletzten sich mindestens einmal im Leben selbst, ohne jedoch Suizidabsichten zu haben. Das zeigen Befragungen von Schüler*innen. Am häufigsten zeigt sich selbstverletzendes Verhalten im Alter zwischen 15 und 16 Jahren. Studien deuten darauf hin, dass Mädchen bis zu doppelt so oft betroffen sind wie Jungen.

Gründe, warum sich Jugendliche selbst verletzen 

Zu den häufigsten Formen von Selbstverletzung gehören sich Schneiden (oft auch als Ritzen bezeichnet), Beissen, Kratzen oder Verbrennen. Wieso sich jemand selbst verletzt, ist vielschichtig und kann individuell sehr unterschiedlich sein. Es muss jedoch immer ernst genommen werden, unabhängig davon welche Absicht dahinterstecken mag.

Mögliche Gründe sind:

  • Selbstverletzung als Strategie, um innere Spannung abzubauen
  • Selbstverletzung, um intensive Gefühle zu regulieren.
  • Betroffene brauchen den starken Reiz, um sich selbst zu spüren und ein Gefühl von Kontrolle wiederzuerlangen.
  • Selbstverletzung als Selbstbestrafung.

Wichtig: Selbstverletzendes Verhalten kann kurzfristig Erleichterung verschaffen. Es ist aber keine langfristige Lösung für die zugrunde liegenden psychischen Belastungen. 

Selbstverletzendes Verhalten erkennen

Die Selbstverletzungen können unterschiedlich aussehen. Es können beispielsweise oberflächliche Schnitte, Prellungen oder Brandstellen sein. Oft sind sie mehrfach vorhanden und befinden sich an Körperstellen, die leicht verdeckt werden können. Folgende Merkmale können darauf hindeuten, dass Jugendliche sich selbst verletzen:

  • Verletzungen an ungewöhnlichen, gut zugänglichen Stellen (z.B. Unterarm oder Oberschenkel)
  • Unpassende Kleidung, um Wunden zu verbergen (z.B. lange Ärmel bei Hitze oder Sport)
  • Unglaubwürdige Erklärungen für Verletzungen
  • Verstecken von Gegenständen wie Rasierklingen oder Feuerzeugen an ungewöhnlichen Orten
  • Häufige Nutzung von Erste-Hilfe-Material

Auch wenn sich Jugendliche zurückziehen, ihre Hobbys oder Freunde vernachlässigen, kann das auf psychische Probleme hinweisen. Sagen Jugendliche Dinge wie «Ich bin nichts wert», «Ich hasse mich» oder «Es hat sowieso alles keinen Sinn», sollten Eltern das ernst nehmen.

Selbstverletzung ansprechen, aber wie?

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind sich selbst verletzt, ist es wichtig, dies direkt anzusprechen. Zur Vorbereitung auf das Gespräch ist es hilfreich, sich vorher zu überlegen, welche Gefühle die Selbstverletzungen bei einem selbst auslösen. So kann man im Gespräch besser mit starken Emotionen wie Wut, Angst oder Entsetzen umgehen und ruhiger bleiben.

Eltern dürfen nicht davon auszugehen, dass das Kind sofort nach dem Gespräch mit dem selbstverletzenden Verhalten aufhört. Häufig braucht es Zeit und professionelle Hilfe.

Fürs Gespräch ist ein ruhiger, zugewandter Einstieg besonders wichtig. Dabei können Eltern darauf hinweisen, dass Menschen sich manchmal selbst verletzen, wenn sie emotional stark belastet sind. Hilfreich ist, bestehende Sorgen in Ich-Botschaften anzusprechen. Beispielsweise: «Ich habe Verletzungen an deinem Arm bemerkt und mache mir Sorgen um dich.» Wichtig ist auch, die Perspektive des Kindes anzuerkennen, Mitgefühl zu zeigen und deutlich zu machen, dass es sich nicht schämen muss. Die Eltern sollen zeigen, dass sie die Not des Kindes sehen und es nicht allein ist. 

Wunden pflegen

Versorgen Sie allfällige Wunden. Eine gute Wundpflege kann auch helfen, Narben zu vermeiden, die später zusätzlich belasten könnten. Achten Sie dabei jedoch darauf, die Bedürfnisse Ihres Kindes ernst zu nehmen und keine zusätzlichen Schuld- oder Schamgefühle auszulösen.

Versuchen Sie Ruhe zu behalten – auch bei frischen Wunden. Eine notärztliche Versorgung ist nur bei schwerwiegenden Verletzungen erforderlich. Dazu gehören:

  • Klaffende Schnittwunden, die möglicherweise genäht werden müssen
  • Brandverletzungen mit einem Durchmesser ab zwei Zentimetern
  • Brandverletzungen an Händen, Füssen oder im Gesicht
  • Einnahme von Gift oder Überdosis von Medikamenten

Scham bei selbstverletzendem Verhalten

Über Selbstverletzung zu sprechen ist oft eine sehr persönliche Angelegenheit und kann für Betroffene mit Scham behaftet sein. Eltern sollten daher Verständnis zeigen, wenn das Kind (noch) nicht darüber sprechen will. Es ist hilfreich, zu verdeutlichen, dass Unterstützung zur Verfügung steht, sobald das Kind bereit ist, und behutsam nachzufragen, was dem Kind helfen könnte, sich sicherer zu fühlen.

Das Gespräch sollte nicht erzwungen werden, es sei denn, es liegt eine schwerwiegende Verletzung vor. Bei Bedarf kann es sinnvoll sein, eine andere Vertrauensperson wie ein Götti oder eine Tante, eine Schulsozialarbeiter*in oder eine Fachstelle vorzuschlagen. So erfährt das Kind, dass es nicht allein ist und Unterstützung möglich ist. Auch ist es wichtig, nicht davon auszugehen, dass das Kind sofort nach dem Gespräch mit dem selbstverletzenden Verhalten aufhört. Häufig braucht es Zeit und professionelle Hilfe, um neue Verhaltensweisen für den Abbau innerer Anspannung zu erlernen.  

Unterstützung für Betroffene von selbstverletzendem Verhalten

Kinder- sowie Hausärztinnen und -ärzte können eine hilfreiche erste Anlaufstelle sein, um Auskünfte zu Hilfsangeboten zu erhalten. Sie können auch an eine Fachkraft für psychische Gesundheit überweisen. Idealerweise findet der Arztbesuch gemeinsam mit dem*der Jugendlichen statt. Ausserdem verfügen die meisten Kantone über kinder- und jugendpsychiatrische Dienste, an die sich Jugendliche und Erwachsene wenden können.

Auch für Angehörige ist es wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn eine Situation überfordert. Sind Eltern unsicher können sie sich mit ihren Fragen rund um die Uhr an die Elternberatung von Pro Juventute wenden. Die Stiftung Pro Mente Sana bietet kostenlose Beratung für Angehörige von Personen in einer psychischen Krise.

Tipps für Eltern: Auf einen Blick

  • Unterstützen: Seien Sie für Ihre Tochter oder Ihren Sohn da. Bieten Sie Ihre Unterstützung aktiv an.
  • Verständnis zeigen: Machen Sie keine Vorwürfe, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter sich im Moment nicht anders zu helfen weiss. Versuchen Sie jedoch auch übermässige Aufmerksamkeit zu vermeiden.
  • Alternativen suchen:  Ermutigen Sie Ihr Kind, nach anderen Lösungswegen für die Emotionsregulation zu suchen. Verbieten Sie ihm aber die Selbstverletzung nicht. Das könnte den Druck und die Scham vergrössern und weitere Gespräche verhindern.  
  • Professionelle Hilfe vermitteln: Sprechen Sie über mögliche Hilfsangebote und planen Sie gemeinsam konkrete Schritte. 

Weitere Anlaufstellen bei selbstverletzendem Verhalten

ensa Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit ensa von Pro Mente Sana. Analog zu den Nothelfer-Kursen gibt es auch Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit. Dieses Programm wird in der Schweiz von der Stiftung Pro Mente Sana angeboten und heisst ensa.

Der ensa Erste-Hilfe-Kurs Fokus Jugendliche richtet sich an Erwachsene, die ihnen anvertrauten Jugendlichen Erste Hilfe bei psychischen Problemen leisten wollen. Die Teilnehmenden lernen, Probleme rechtzeitig zu erkennen, wertfrei anzusprechen sowie Betroffene zu professioneller Hilfe zu ermutigen. Spezifisch um Erste-Hilfe-Massnahmen beim Thema Selbstverletzung geht es im Kurs Erste-Hilfe-Gespräche über selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht.

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