Entwicklung & Gesundheit

«Sexualisierte Gewalt an Kindern beginnt oft im Graubereich»

Sexualisierte Gewalt ist in der Schweiz nach wie vor ein grosses Tabu – trotz erschreckend hoher Zahlen. Um das zu ändern, hat Agota Lavoyer ein Kinderbuch verfasst. Im Interview erzählt die Expertin für sexualisierte Gewalt, was es braucht, um Kinder und Jugendliche vor Übergriffen zu schützen.
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Sexualisierte Gewalt ist für viele ein traumatisierendes und lebensbestimmendes Ereignis.

Aus Studien ist bekannt, dass 97 Prozent der sexuellen Missbräuche an Kindern im nahen Umfeld geschehen. Jedes siebte Kind erfährt sexualisierte Gewalt. Fakt ist auch, dass Mädchen öfters betroffen sind als Knaben und die Täter mehrheitlich männlich sind. Ist es trotzdem ok, wenn der Götti oder der Grossvater das Göttimeitli respektive die Enkeltochter allein hütet und sie aufs WC begleitet?

Agota Lavoyer: Unbedingt! Es ist definitiv nicht der richtige Weg, das Ausmass von sexualisierter Gewalt zu mindern, indem wir jeden Mann unter Generalverdacht stellen. Trotz dieser Zahlen: Nur eine Minderheit der Menschen vergeht sich an Kindern. Besser ist es, Kinder aufzuklären und sexualisierte Gewalt zum Thema zu machen. Angst hingegen ist nie ein guter Begleiter, weder für die Kinder noch für uns.

Ab welchem Alter kann Prävention geleistet werden?

Ich würde sagen, sobald ein Kind sprechen kann und beginnt, Fragen zu stellen. Schon mit kleinen Kindern kann der Umgang mit Nähe thematisiert werden: Empfindet es das Kind als angenehm, wenn es umarmt wird? Stört es sich, wenn andere beim Umziehen dabei sind oder die Eltern nackt durch die Wohnung laufen? Auch die Regeln von «Doktorspielen» sollten schon in einem jungen Alter thematisiert werden.

Sexualisierte Gewalt

Unter sexualisierte Gewalt an Kindern fallen alle Handlungen mit sexuellem Bezug mit einem Kind unter 16 Jahren. Das beginnt bereits mit Belästigung oder sexualisierten Gesprächen. Unterschieden wird zwischen «Hands On-Delikten» wie Berührungen im Intimbereich und «Hands Off-Delikten» wie das Zeigen von pornografischen Videos. «Sexualisierte Gewalt an Kindern beginnt sehr häufig im Graubereich. Die Tatperson will damit testen, wie das Kind und sein Umfeld reagieren. Das können Handlungen sein, wie ein Kind an den Schultern massieren, unter dem T-Shirt streicheln oder sich mit dem Kind unter eine Decke legen. Prävention muss in diesem Graubereich ansetzen», sagt Agota Lavoyer.

Mehr über sexualisierte Gewalt an Kindern erfahren Sie auf der Webseite von Kinderschutz Schweiz.

Ein konkretes Beispiel: Angenommen, die Eltern beobachten, dass der Grossvater die 3-jährige Enkelin auf seinen Schoss zieht, obwohl sie sich anfänglich wehrt. Wie sollen sie in solch einer Situation reagieren?

Ich möchte ermuntern, eine Rückmeldung zu geben, auch wenn ich weiss, dass das sehr schwierig ist. Doch wenn solche Beobachtungen nicht angesprochen werden, kommen wir bei der Prävention von sexualisierter Gewalt nicht weiter. Es reicht nicht, erst bei Übergriffen zu reagieren. Die geschehen im Versteckten. Wir können auch nicht von Kindern verlangen, dass sie «Nein» sagen. Erst recht nicht, wenn nicht mal wir Erwachsenen es schaffen, Grenzverletzungen anzusprechen.

Viele sind überzeugt davon, dass sie es einer Person anmerken würden, wenn sie sexuelle Absichten mit einem Kind hätte. Geschieht dann aber wirklich was, ist die Reaktion meist dieselbe: «Von dieser Person hätte ich das nie erwartet.»

Immer wieder tauchen Fälle von sexualisierter Gewalt in Vereinen oder Verbänden auf. Worauf sollten Eltern achten, wenn ihr Kind Mitglied in einem Verein oder einem Verband ist?

Eltern können das Thema proaktiv ansprechen und fragen, was der Verein im Bereich Prävention von sexualisierter Gewalt macht. Nach wie vor gibt es leider viele Vereine, die sich nicht darum kümmern.

Haben Sie eine Ahnung, weshalb das so ist?

Das Thema sexualisierte Gewalt an Kinder ist in der Schweiz immer noch ein Tabu. Man ist sich zu wenig bewusst, wie gross das Ausmass des Problems ist. Das erlebe ich aber nicht nur in Vereinen, sondern auch im Schulumfeld. Die Haltung, «uns kann das nicht passieren, wir haben bei uns nur gute Leute», ist weit verbreitet. Das ist fatal. Die vermeintliche Sicherheit führt dazu, dass wir die Augen verschliessen. Viele sind überzeugt davon, dass sie es einer Person anmerken würden, wenn sie sexuelle Absichten mit Kindern hätte. Geschieht dann aber wirklich was, ist die Reaktion meist dieselbe: «Von dieser Person hätte ich das nie erwartet.»

Agota Lavoyer (41) engagiert sich gegen sexualisierte Gewalt. Mit ihrem Kinderfachbuch «Ist das okay?» erarbeitete sie ein Hilfsmittel, um mit Kindern über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Denn als Schulsozialarbeiterin und später in der Opferberatung kam sie immer wieder mit diesem Thema in Berührung. Agota Lavoyer lebt mit ihrem Partner und ihren vier Kindern in der Nähe von Bern.

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Agota Lavoyer im Interview.

Sexualisierte Gewalt geschieht oft im Versteckten. Die Kinder schweigen meistens. Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind betroffen ist?

Es gibt keine eindeutigen Anzeichen. Umso wichtiger ist es, sexualisierte Gewalt immer wieder zu thematisieren. Kinder müssen wissen, dass sie mit Erwachsenen darüber sprechen dürfen. Mit Prävention und Aufklärung kann man sexualisierte Gewalt zwar nicht verhindern, aber erreichen, dass Kinder und Jugendliche viel früher etwas sagen. Im besten Fall, wenn die Handlungen noch nicht so massiv sind. Wichtig finde ich auch, dass man die Möglichkeit eines sexuellen Übergriffs immer mitdenkt, wenn man problematische Veränderungen an einem Kind wahrnimmt.

Was sollten Eltern tun, wenn ein Kind von sexualisierter Gewalt erzählt oder sie den Verdacht haben, dass es davon betroffen ist?

Bei einem Verdacht sollten Eltern so schnell wie möglich Hilfe suchen. Die Opferhilfe ist dafür zuständig. Eltern dürfen ungeniert auch schon bei einem schlechten Bauchgefühl anrufen. Im besten Fall löst sich dieses auf oder man hat etwas Handfestes, um zu handeln. Keinesfalls sollte man die beschuldigte Person konfrontieren. Das kann nur Schaden anrichten. Die Person wird alles abstreiten, ist aber vorgewarnt.

Hilfe für Betroffene von sexualisierter Gewalt

Die Opferhilfe unterstützt Opfer sexueller Gewalt und deren Angehörige bei der Verarbeitung des Geschehenen. «Sehr häufig benötigen auch Angehörige psychologische Hilfe. Denn Täter, welche dem Kind nahe stehen, stehen meist auch den Eltern sehr nahe», betont Agota Lavoyer. Eltern und Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen können sich auch jederzeit an die Pro Juventute Elternberatung wenden, wenn sie sich unsicher fühlen und Rat wünschen.

Sind Sie im Internet auf Kinderpornografie gestossen? Bei der Meldestelle gegen Pädokriminalität im Netz können Sie entsprechende Websites melden.

Welche Folgen hat sexualisierte Gewalt für Kinder und Jugendliche?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Sicher ist: Sexualisierte Gewalt ist für viele ein traumatisierendes und lebensbestimmendes Ereignis. Je näher die Beziehung zum Täter oder der Täterin ist, desto schlimmer sind die Folgen. Ebenfalls kommt es darauf an, ob der Übergriff einmalig oder über Jahre hinweg stattfindet und welcher Art der Übergriff ist. Zudem spielt es eine Rolle, über wie viel Resilienz ein Kind verfügt. Und ganz wichtig ist die Reaktion des Umfelds: Wird dem Kind geglaubt und eine Wiederholung verhindert, sind die Heilungschancen wesentlich besser, als wenn das Ganze heruntergespielt wird.

Noch immer ist die Aussage leider verbreitet, Opfer hätten den Kontakt gesucht, etwa durch aufreizende Kleidung. Was halten Sie von Diskussionen um Kleidervorschriften?

Viele, auch in meinem privaten Umfeld, sind tatsächlich der Meinung, die Mädchen müssten sich schützen, indem sie keine kurzen Röcke oder bauchfreie T-Shirts tragen. Damit gibt man den Mädchen jedoch die Haltung weiter, dass das Verhalten von Männern und Buben unveränderbar ist und sie dafür verantwortlich sind, nicht belästigt zu werden. Das finde ich absolut verheerend! Ich bin auch sehr vehement gegen Kleidervorschriften an Schulen. Nicht zuletzt, weil sie meist Mädchen viel stärker einschränken als Buben.

Sexualisierte Gewalt ist für viele ein traumatisierendes und lebensbestimmendes Ereignis. Je näher die Beziehung zum Täter oder der Täterin ist, desto schlimmer sind die Folgen.

Sie würden Ihre Tochter im Minijupes zur Schule gehen lassen, wenn sie das möchte?

Ja, klar! Wenn sich Schüler und Lehrer an Minijupes stören, ist es Zeit, mit ihnen zu sprechen. Denn das Problem hat nichts mit den Kleidern zu tun und schon gar nicht mit den Mädchen. Das Problem sind diejenigen, die Mädchenkörper sexualisieren und die belästigen. Leider ist es sehr normal, dass Mädchen sexualisiert werden und es passiert zu wenig, um das zu ändern.

Je älter die Kinder sind, desto stärker bewegen sie sich im digitalen Raum. Sie können auf Pornos stossen, in Chats auf Unbekannte treffen oder eben auch sexualisierter Gewalt begegnen. Wie können wir sie davor schützen?

Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. Als ich noch in Schulen arbeitete, erlebte ich, dass fast alle 5.- und 6.-Klässler schon Pornos gesehen haben. Mit ihren Eltern würden sie aber nie darüber sprechen. Denn sie haben das Gefühl, diese würden sowas nicht kennen. Die Eltern wiederum möchten sie nicht auf das Thema aufmerksam machen, weil sie denken, das sei noch zu früh. Was passiert? Man lässt Kinder mit verstörenden Inhalten allein. Prävention bedeutet, dass man aufklärt, idealerweise bevor ein Kind das erste Mal Pornos sieht, analog zur Suchtprävention. Kinder und Jugendliche müssen lernen, was der Unterschied zwischen Pornos und offline Sexualität ist. Sie müssen wissen, wo sexuelle Belästigung beim Chatten anfängt oder was Cybergrooming ist.

Online-Veranstaltungen zum Umgang mit digitalen Medien im Familienalltag

Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie Sie Ihre Kinder im Umgang mit digitalen Medien begleiten können? Dann nehmen Sie an einer unserer kostenlosen Online-Veranstaltungen teil. Erhalten Sie anhand konkreter Beispiele Informationen zu den Chancen und Risiken im Internet sowie Tipps zum Umgang mit digitalen Medien im Familienalltag.

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Mich beschäftigt zudem, wie alltäglich sexualisierte Gewalt für Jugendliche ist. Ein Penis-Bild zu bekommen, wird als normal abgetan. Dort müssen wir ansetzen. Wir müssen bei den Jugendlichen ein Unrechtbewusstsein schaffen. Auch über die Rechtslage müssen Kinder und Jugendliche aufgeklärt werden. Verschickt ein Kind beispielsweise ein Nacktfoto von sich selbst, ist das Herstellung von Kinderpornografie und strafbar. Ich würde mir wünschen, dass Eltern wertfrei über die digitalen Medien aufklären, statt sie zu verteufeln.

Auch Sexualität sollte nicht verteufelt werden, trotz der Gespräche über sexualisierte Gewalt. Denn grundsätzlich soll Sexualität ja etwas Schönes sein. Wie gelingt das?

Wir sollten zuerst über die schönen Seiten sprechen, bevor wir die sexualisierte Gewalt thematisieren. Oder zumindest gleichzeitig. Die Botschaft könnte lauten, dass für viele Menschen Sexualität etwas sehr, sehr Schönes ist. Damit das aber so ist und bleibt, muss man einander Sorge tragen und sich an gewisse Regeln halten.

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