Familie & Gesellschaft

Konflikte mit Kindern gewaltfrei austragen

Wollten Sie Ihr Kind tatsächlich anschreien oder gar schlagen? Vermutlich nicht. Und doch ist es vielleicht schon vorgekommen – in Situationen, in denen Sie sich ohnmächtig fühlten und ihre Verzweiflungsreaktion das Ruder übernahm. Doch es sollte nicht geschehen, denn es schadet Ihnen und Ihren Kindern. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihre Reaktionen besser kontrollieren können.
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Pro Juventute informiert, wie Sie Konflikte mit Kindern gewaltfrei austragen können.

Diesen Text gibt es auch in Leichter Sprache.

 

Manchmal sind Kinder trotzig, ungehorsam, tun alles andere als das, was man von ihnen verlangt. Und Sie sind vielleicht müde und mit den Nerven fertig. Eine Auseinandersetzung schaukelt sich auf – was tun, damit es nicht zu Gewalt kommt?

Denn niemand hat ein Recht, Gewalt auszuüben, auch nicht im Namen der Erziehung. Wenn Sie oder ein anderes Familienmitglied Gewalt ausübt, sollten Sie Hilfe holen. Auch dann, wenn sich die Gewalt nicht gegen die Kinder richtet. Die folgenden Tipps ersetzen keine Beratung, aber sie eröffnen vielleicht einen kleinen Handlungsspielraum, um ihre Reaktionen besser zu kontrollieren.

Was ist Gewalt?

Den Ausdruck Gewalt verbinden wir oft nur mit Schlagen – und merken darum vielleicht nicht, wenn wir Kindern Gewalt antun. Denn als Gewalt gilt viel mehr: verspotten oder blossstellen, Angst einflössen, anschreien, kontrollieren, einsperren, unter Druck setzen, erpressen, vernachlässigen, isolieren. Oder kneifen, schütteln, schlagen, stossen und reissen, an den Haaren oder Ohren ziehen und alle Formen sexueller Annäherung.

Im Notfall

Wurden Sie handgreiflich gegenüber Kindern? Befinden Sie sich in einer Spirale aus Schimpfen, Drohen und Ohnmachtsgefühlen? Dann melden Sie sich bei unserer Pro Juventute Elternberatung - wir helfen Ihnen weiter.

Per Telefon:
058 261 61 61

Zeit schaffen, sich stabilisieren

Wenn Sie in einer verfahrenen Auseinandersetzung mit Ihrem Kind merken, dass Sie am liebsten schreien, es schütteln oder gar zuschlagen würden, dann können Sie folgendes tun:

  • Verschaffen Sie sich erst einmal etwas Zeit. Zählen Sie auf zehn und schauen Sie umher. Verzweiflungsreaktionen sind automatisiert. Sie dienen dem Überleben, darum laufen sie schnell ab. Wenn es Ihnen gelingt, den Ablauf zu unterbrechen, geben Sie sich Raum, so zu reagieren, wie Sie wirklich möchten.
  • Treten Sie einen Schritt zurück oder verlassen Sie für einen Moment das Zimmer, um sich und Ihre Emotionen zu stabilisieren. Atmen Sie durch, lehnen Sie sich mit dem Rücken und gebeugten Knien gegen eine Wand oder heben Sie Ihre Fersen leicht vom Boden, und schauen Sie um sich. Zählen Sie alle roten, blauen, grünen Dinge, die Sie sehen. So wird Ihre Aufmerksamkeit weg von den Emotionen und den mit ihnen verbundenen Erfahrungen auf die gegenwärtige, äussere Situation gelenkt.

Befinden Sie sich einer lauten, unruhigen oder stressigen Umgebung, so suchen Sie einen etwas ruhigeren, geschützteren Ort am Rand auf oder gehen Sie gemeinsam nach draussen.

Hunger, Durst, Müdigkeit zuerst

Könnte es sein, dass Sie oder Ihr Kind so heftig reagieren, weil Hunger, Durst oder Müdigkeit im Spiel sind? Wenn ja, konzentrieren Sie sich zuerst darauf, dass diese Bedürfnisse so gut wie möglich befriedigt werden. Stellen Sie alles andere – auch die Lösung des Konflikts – hintenan. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie die Situation später klären. Befinden Sie sich einer lauten, unruhigen oder stressigen Umgebung, so suchen Sie einen etwas ruhigeren, geschützteren Ort am Rand auf oder gehen Sie gemeinsam nach draussen.

Sofort-Unterstützung

Unser Blickwinkel engt sich, in uns überfordernden Situationen, ein. Es kann sein, dass wir sehr naheliegende Möglichkeiten zur Entlastung nicht sehen.

  • Könnten Sie jemanden in unmittelbarer Umgebung um Unterstützung bitten? Zum Beispiel: Könnte ihr Kind zu einem Nachbarn damit sie in Ruhe ihre Telefone/ ihren Einkauf/ ihr Büro erledigen können? Könnte ihnen jemand das schwere Gepäck abnehmen, damit sie ihr müdes Kind tragen können?
  • Könnten Sie ihre Tätigkeit unterbrechen und eine Pause machen oder könnten Sie sich voll und ganz dem Anliegen ihres Kindes widmen? Zum Beispiel: Könnten sie ihr Telefonat unterbrechen, die schwere Tasche hinstellen, die Büroarbeit liegen lassen?
  • Manchmal helfen Vorbilder: Könnten Sie sich so verhalten, wie diejenige Person es tun würde, die mit Ihnen am freundlichsten war, als sie noch ein Kind waren?

Gewalttätiges Verhalten – wie aussteigen?

Gewalt von Seiten Erwachsener gegenüber Kindern ist nicht erlaubt und sie schadet Ihnen und Ihrem Kind. Auch dann, wenn Sie es begründen mit dem Satz, das Kind habe einfach nicht hören wollen. Es gibt Alternativen zu Gewalt in der Erziehung, und sie sind wirkungsvoll.

Wenn Sie oder ein anderes Familienmitglied schon physische oder psychische Gewalt ausgeübt hat, sollten Sie Hilfe holen. Gewalt hört nicht von selbst auf. Unternehmen Sie etwas und holen Sie sich Hilfe. Egal ob als Täter oder als Opfer. Entweder per Telefon oder Online-Beratung bei Pro Juventute Elternberatung, auf einer Beratungsstelle oder in Form eines Erziehungskurses wie der Elternkurs von Kinderschutz Schweiz, oder TripleP. Sie tun damit etwas Gutes für sich und für Ihre Familie.

Tipps, um den Erziehungsalltag besser zu bewältigen

Klar ankündigen und entschieden handeln

Eine typische Situation, die viele Eltern an ihre Grenzen bringt, ist beispielsweise das Einkaufen. Ohne Stress möchte man die täglichen Einkäufe erledigen, doch irgendwie klappt das einfach nicht. Um solche Situationen zu entspannen, sollte das Kind vorher wissen, was von ihm erwartet wird. Sagen Sie ihm zum Beispiel: «Ich möchte, dass du beim Einkaufen bei mir bleibst. Ich sage, was du aus dem Gestell nehmen darfst. Ich bin froh, wenn du mir so beim Einkaufen hilfst.»

Kündigen Sie auch an, wie Sie reagieren. Zum Beispiel: «Wenn es gut klappt, gehen wir nach dem Einkaufen noch zum Spielplatz. Rennst du mir davon, setze ich dich ins Sitzchen des Einkaufswagens.» Wichtig ist, dass keine Handlungen angekündigt werden, die sich nicht ausführen lassen oder für das Kind bedeutungslos sind.

Drohungen vermeiden

Womöglich rennt das Kind ständig weg, räumt Dinge aus dem Gestell oder bettelt um Süssigkeiten, die man nicht kaufen möchte.  Statt in einer solchen Situation zu schimpfen oder zu drohen, sollten Sie wie angekündigt handeln. Anstatt zu sagen: «Wenn du jetzt nicht aufhörst, setz ich dich ins Sitzchen», führen Sie ruhig und mit gelassener Bestimmtheit aus, was Sie angekündigt haben. Erwähnen Sie das schwierige Verhalten nicht mehr, nachdem Sie gehandelt haben. Geben Sie Ihrem Kind nach einer angemessenen Zeit eine nächste Chance. Erinnern Sie es daran, was Sie von ihm erwarten.

Dinge benennen, die gut verlaufen

Machen Sie sich bewusst, was Ihnen gelingt und was Ihr Kind gut macht. Schreiben Sie auf, was funktioniert oder erzählen Sie es jemandem. Sprechen Sie auch mit Ihrem Kind darüber. Sagen Sie ihm, wenn Sie sich über sein Verhalten freuen, was Sie schön finden, was lustig und toll ist in Ihrem Zusammenleben.

Kinder möchten beschäftigt sein

Kinder, die sich langweilen, suchen nach einer Beschäftigung oder einem Ausgleich. Lenken Sie dieses Bedürfnis und übertragen Sie Ihrem Kind kleine Aufgaben. Beim Einkaufen bedeutet das, dass Sie Ihr Kind altersgemäss beschäftigen. Lassen Sie es etwas suchen oder mithelfen beim Früchte auswählen. Geben Sie ihm etwas, das es tragen darf. Oder bitten Sie Ihr Kind, Ihnen die Preise vorzulesen. Es gibt viele solche Beispiele.

Spielunterbrechungen ankündigen

Wenn Kinder spielen, möchten sie nicht gestört werden. Natürlich gibt es immer wieder Situationen, die eine Spielpause erfordern. Wichtig ist, etwa zehn Minuten vorher anzukündigen, dass das Spiel bald unterbrochen werden muss. Zum Beispiel, weil es Zeit zum Essen ist oder um Schlafenzugehen. So kann sich das Kind darauf einstellen und Sie umgehen einen unnötigen Konflikt. 

Gemeinsam schöne Dinge tun

Entspannte gemeinsame Momente stärken die Eltern-Kind-Beziehung. Schauen Sie zusammen Bilderbücher an, lesen Sie Geschichten vor, zeichnen Sie miteinander, unternehmen Sie draussen etwas, hören Sie zu, wenn Ihr Kind erzählt. Schaffen Sie bewusst Zeiträume, die Ihnen und Ihrem Kind guttun.

Wenige und klare Regeln setzen

Regeln sind nicht dazu da, jemanden einzuengen oder zu bestrafen, sondern sollen das Zusammenleben erleichtern. Allerdings müssen Regeln altersentsprechend sein und immer wieder angepasst werden. Überlegen Sie sich, was Ihnen im alltäglichen Zusammenleben wichtig ist.

Zum Beispiel: Gemeinsam essen. Ruhezeiten nach dem Mittagessen, damit Sie eine Pause haben. Nach dem Abendessen räumt das Kind die Spielsachen auf.

Pausen machen

Vielleicht gibt es Verwandte, Freunde, einen Babysitter, die Sie unterstützen, damit neben Kinderzeit auch Erwachsenenzeit bleibt. Zeit mit dem Partner, der Partnerin oder anderen Erwachsenen zu verbringen, hilft den Alltag besser zu meistern und zufriedener und gelassener mit stressigen Situationen umzugehen.

Die Elternberatung frühe Kindheit ist für Sie da

«Wenn das Baby schreit, die Gedanken kreisen und die Unsicherheit wächst – wir sind da.» Unsere Fachpersonen hören zu und unterstützen Sie. Sie dürfen sich mit allen Fragen und Sorgen, die sich um Ihren Alltag mit Baby und Kleinkind bis zum fünften Geburtstag drehen, an uns wenden. Unsere Berater*innen sind von Montag bis Freitag von 19 bis 22 Uhr und am Samstag von 9 bis 11 Uhr per Telefon und Chat erreichbar.

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