Familie & Gesellschaft

Rassismus ist eine angelernte Verhaltensweise

Auch in der Schweiz hat die «Black Lives Matter» Bewegung, Diskussionen über Rassismus neu entfacht. Doch wie erzieht man Kinder zu einem toleranten Miteinander? Der Kinderarzt Sepp Holtz erklärt, wie Kleinkinder sich entwickeln und wie Eltern Offenheit fördern können. Die beiden Lehrerinnen, Li Owzar und Sabrina Bur, vom Verein Diversum geben praktische Tipps.
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Mutter liest ihren Kinder aus einem Buch vor.

Kinder sind offen für Neues und versuchen, die Welt zu verstehen. Von Geburt an bringt jedes Kind eine natürliche Neugierde mit und seine Reise ins Leben beginnt völlig unvoreingenommen. «Forschungen haben ergeben, dass bereits Säuglinge Interesse für das Andere zeigen», erklärt Sepp Holtz. «Wenn ein Baby immer das Gleiche zu sehen bekommen, nimmt seine Konzentration ab und wenn etwas Neues dazu kommt, interessiert das mehr als das Altbekannte», führt der Kinderarzt und Entwicklungspädiater aus. Im Hinblick auf Toleranz gegenüber Unbekanntem ist das eine wichtige Erkenntnis.

Vorurteile überprüfen und hinterfragen

Befasst man sich mit Rassismus, muss man sich auch mit dem Thema Vorurteile auseinandersetzen. Ein Blick zurück auf die Geschichte der Menschheit zeigt, dass Vorurteile in bestimmten Situationen durchaus Sinn machen. Sie lassen uns vorsichtig werden und schützen so möglicherweise vor Gefahr. Aus Sicht von Sepp Holtz besteht der humanistische Ansatz darin, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, Vorurteile zu überprüfen, zu hinterfragen und im Idealfall beiseite zu legen.

Umgang mit etwas Unbekanntem

Obwohl Kinder sich für Neues interessieren, kann es sein, dass sie zuerst verunsichert sind, wenn etwas anders als gewohnt ist. «Überlegt man, losgelöst von rassistischen Gedanken, was passiert, wenn ein Kind zum ersten Mal einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe sieht, erstaunt es nicht, dass es vielleicht erst einmal ängstlich oder zurückhaltend ist», bemerkt Sepp Holtz. Entscheidend ist nun, welche Erfahrungen es nachher macht. Wenn es erlebt, dass auch Leute mit einer anderen Hautfarbe mit ihm spielen und lachen und sich die Erwachsenen untereinander verstehen, prägt das sein Verhalten. Denn Rassismus ist eine Haltung, die durch negative Vorbilder ausgelöst wird.

Sich in andere einfühlen lernen

«Damit sich ein Kind überhaupt vorstellen kann, was Vorurteile sind oder was Rassismus bedeutet, muss es in der Lage sein, sich in eine andere Person hineinzuversetzen.» Der Kinderarzt betont, dass diese Fähigkeit nicht von heute auf morgen da ist, sondern sich langsam entwickelt. Erst so ab dreieinhalb, vier Jahren ist ein Kind allmählich fähig, sich in andere einzufühlen. «Vorsichtig ausgedrückt wird das Einfühlungsvermögen ab dem Kindergartenalter ausgeprägter. Vorher kann es das noch nicht und so gesehen gibt es auch noch keinen Rassismus bei kleinen Kindern», lautet eine wichtige Schlussfolgerung von Sepp Holtz.

Vielfältige Begegnungen ermöglichen

Kleinkinder reagieren womöglich zurückhaltend auf Menschen, die eine andere Haut- und Haarfarbe haben, wenn sie sich das nicht gewohnt sind. Doch das sind noch keine rassistisch gefärbten Begegnungen. Ein grosses Anliegen von Sepp Holtz ist, dass ein Kind schon früh lernt, mit unterschiedlichen Menschen umzugehen. So wird der Umgang mit Unbekannten zu einer Selbstverständlichkeit. Vielleicht kommt es in der Kita oder im familiären Umfeld mit Kindern unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen sozialen Schichten zusammen. Oder es erlebt, dass nicht alle Kinder laufen, sehen oder hören können. Dass Eltern mit dieser Art von Prävention sehr viel bewirken, ist für den Entwicklungspädiater unbestritten.

Urteile revidieren können

«In uns allen schlummert eine gewisse Neigung, vorschnell zu urteilen oder eine Tendenz, rassistisch zu denken. Diese Seite in uns, gilt es anzuerkennen und ihr zugleich entgegenzuwirken,» erläutert Sepp Holtz und führt weiter aus: «Nehmen wir an, Eltern machen unabsichtlich eine rassistische oder abwertende Bemerkung vor ihren Kindern, besitzen aber die Fähigkeit sich einzugestehen, dass sie etwas Dummes gesagt haben. Ein Urteil zu revidieren und vor dem Kind zu sagen, dass das ein rassistischer Gedanke war, zeugt von Stärke.» Wenn Kinder erleben, dass Erwachsene über solche Dinge laut nachdenken, ist das sehr hilfreich.

Rassistisches Verhalten wird gelernt

«Greift ein Kleinkind beispielsweise einem Kind mit einer anderen Hautfarbe in seine Haare, weil es wissen möchte, wie sich das anfühlt, ist das ebenso kindliche Neugierde, wie wenn Kinder feststellen, dass Mädchen und Jungen andere Geschlechtsteile haben», hält Sepp Holtz fest. Im Kleinkindalter steht das Interesse am Gegenüber im Vordergrund. Ganz wichtig ist für den Kinderarzt, dass Rassismus nicht angeboren ist, sondern eine Verhaltensweise, die sich ein Kind durch sein Bezugsumfeld aneignet. Deshalb gilt: Vieles was bei Kleinkindern noch völlig in Ordnung ist, wäre bei älteren Kindern oder Erwachsenen nicht tolerierbar. Durch eine sorgsame Erziehung kann das Kind im Umgang mit anderen Menschen achtsames Verhalten lernen und üben.

Tipps des Vereins Diversum – Rassismus entgegenwirken

Rassismus begleitet viele Menschen tagtäglich und macht auch vor dem Schulhof oder dem Spielplatz nicht Halt. Weil jegliche Art von Rassismus verletzt, ist es wichtig mit Kindern darüber zu sprechen. Mit verschiedenen Tipps zeigen Fachleute des Vereins Diversum, wie man das Thema mit Vorschul- und Schulkindern aufgreifen kann.

Bei sich selber anfangen

Wir alle tragen Vorurteile in uns. Das bedeutet, dass wir manchmal rassistische Dinge sagen ohne, dass wir das wollen. Fangen Sie an Ihre Begrifflichkeiten und eigenen Denkmuster zu hinterfragen, so können Sie Ihr Kind für Rassismus sensibilisieren.

Rassismus erklären

Erklären Sie Ihrem Kind, dass Menschen unterschiedlich sind und Rassismus bedeutet, dass einige Menschen aufgrund dieser Unterschiede ungerecht behandelt werden. Erklären Sie ihrem Kind, dass dies falsch ist und sich alle dafür einsetzen müssen, dass Rassismus aufhört.

Auf Vielfalt aufmerksam machen

Achten Sie darauf, dass Sie mit Ihrem Kind Bücher lesen oder Filme anschauen, in denen die Protagonisten unterschiedliche Haut- und Haarfarben haben. Dass auch in der Schweiz Menschen sehr unterschiedlich aussehen, sollte ebenfalls sichtbar gemacht werden.

In der Auflistung von «Inititative intersektionale Pädagogik iPäd» finden Sie inklusive Kinderbücher.

Unangenehme Themen ansprechen

Rassismus ist kein angenehmes Thema und es ist nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden. Wichtig ist, dass Sie überhaupt darüber sprechen.

Fehler eingestehen

Wenn Sie merken, dass Sie vor Ihrem Kind etwas gesagt oder getan haben, das nicht in Ordnung war, geben Sie dies zu und erklären, dass dies falsch ist. Beispielsweise wenn Sie aufgrund der Herkunft eines Kindes Rückschlüsse auf bestimmte Eigenschaften geschlossen haben.

Zuhören und über Erfahrungen sprechen

Kinder erkennen manchmal intuitiv, wenn andere unfair behandelt werden. Auch wenn sie Rassismus noch nicht benennen können. Nehmen Sie solche Beobachtungen und Erfahrungen ernst und sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber.

Fragen ermöglichen

Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Sollte es etwas fragen, das Sie selbst nicht beantworten können, machen Sie sich auf die Suche nach einer Antwort und lernen Sie gemeinsam. Führen Sie solche Gespräche immer wieder, am besten anhand von konkreten Vorfällen.

Sich gegen Ungerechtigkeit einsetzen

Gehen Sie mit gutem Vorbild voran und weisen Sie andere Menschen auf Rassismus hin. Erklären Sie Ihrem Kind, dass es reagieren soll, wenn seine Schwarze Spielkameradin zu hören bekommt, ihre Haut sei schmutzig. Erklären Sie Ihrem Kind, dass wir alle dafür sorgen müssen, dass alle Kinder in einer gerechten Welt aufwachsen können.

Hinweise zur Sprachregelung

Bis sich diese Richtlinien auch in der Öffentlichkeit etabliert haben, braucht es neben Sorgfalt im Umgang miteinander noch etwas Geduld, Offenheit und gegenseitige Toleranz. Im Hinblick auf positive Veränderungen ist es wahrscheinlich wirkungsvoller, einander wohlwollend auf inkorrekte Begriffe hinzuweisen, als jemanden vorschnell zu verurteilen.

Grundsätzlich gibt es in der Schweiz keine allgemein gültige Regel wie beispielsweise das Adjektiv «Schwarz» geschrieben wird, aber Empfehlungen. Als Erklärung ein Auszug aus der Studie «Anti-Schwarze-Rassismus. Juristische Untersuchung zu Phänomen, Herausforderungen und Handlungsbedarf», welche die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR 2017 in Auftrag gegeben hat.

«Das Adjektiv «schwarz» schreiben wir gross (also Schwarz) und das Adjektiv «weiss» klein und kursiv (also weiss). Damit wird betont, dass mit Schwarz- und Weisssein nicht eine Hautfarbe bezeichnet werden soll, sondern die soziale Position (...) . Der Begriff Schwarze Menschen geht auf ein emanzipatorisches Verständnis zurück, das im Rahmen politischer Kämpfe von Menschen verwendet wird, die sich selbst als Schwarze bezeichnen. Demgegenüber wird weiss kursiv und klein geschrieben, um eine Abgrenzung zu Schwarz nachzuvollziehen.»

Weitere Informationen zur Begriffsdefinition der Fachstelle für Rassismusbekämpfung.