Interview

Was hilft psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen in der Coronavirus-Krise?

Die aktuelle Situation mit der Coronavirus-Krise ist für Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen und deren Eltern besonders herausfordernd. Dagmar Pauli leitet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Zürich. Im Interview gibt sie Auskunft darüber, was für diese Familien nun besonders wichtig ist.
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Interview zur Situation von psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen in der Coronavirus-Krise in der Schweiz

Liebe Frau Pauli, Sie leiten als stellvertretende Direktorin die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Zürich. Sie und Ihr Team sind dort mit psychisch belasteten Kindern, Jugendlichen und deren Eltern in Kontakt. Diese sind in der aktuellen Situation bestimmt auf vielen Ebenen gefordert. Können Sie uns erzählen, wie sich in den letzten Tagen das Coronavirus ganz konkret auf Ihre Arbeit ausgewirkt hat?

Dagmar Pauli: Nun, es ist eigentlich alles anders als vorher. Wir versuchen, den Betrieb bestmöglich am Laufen zu halten und diese Krise zu bewältigen. Bei allen ist der Stresspegel enorm gestiegen. Sowohl bei den Kindern und Jugendlichen, die bei uns im Haus sind, wie auch bei jenen, die wir ambulant oder teilstationär behandeln. Extrem gefordert sind auch die Eltern dieser Kinder. Und natürlich ist die Situation auch für alle Mitarbeitenden im Haus eine grosse Belastung. Jeden Tag sind wir mit neuen Anweisungen und Regelungen konfrontiert. Es gilt dann, diese einerseits ganz konkret für unseren Betrieb umzusetzen und andererseits ist es nötig, diese auch in den Therapiegesprächen aufzunehmen und zu erklären.

Wie setzen Sie all die Regelungen des Bundes um, beispielsweise das «Social Distancing»?

Dagmar Pauli: Gerade die Anweisung, Distanz zu halten, bringt viele Schwierigkeiten für unsere Arbeit mit sich. Um zu verhindern, dass Familien für die Therapiegespräche zu uns kommen müssen, wäre es nötig, das ambulante und teilstationäre Angebot soweit wie möglich zu beschränken. Gleichzeitig ist die Gefahr gross, dass dann aus relativ stabilen Patientinnen und Patienten Notfälle werden, weil der Stress in diesen belasteten Familien schnell zunimmt, wenn der gewohnte Therapierahmen wegfällt.

Wie gehen Sie damit um?

Dagmar Pauli: Wir versuchen zum Beispiel, soweit wie möglich auf ein Telmed-System umzusteigen, mit dem wir die Gespräche in Videocalls oder Chats durchführen können. Innert kurzer Zeit auf ein solches System zu wechseln ist enorm herausfordernd für alle. Gleichzeitig erlebe ich eine grosse Bereitschaft und viel Engagement, hier Neues zu versuchen und das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. Gerade bei Jugendlichen zeigt sich, dass viele sehr gut auf Chat oder Videogespräche ansprechen, da ihnen diese Kommunikationskanäle vertraut sind.

«Enorm wichtig ist jetzt ein strukturierter Tagesablauf. Für alle Familien, aber insbesondere für jene mit belasteten Kindern.» 

Was hilft Kindern und Jugendlichen mit psychischen Belastungen und was raten Sie deren Eltern?

Dagmar Pauli: Im Moment sind alle Familien vermehrt zuhause und viel enger zusammen. Das birgt auch Risiken für Konflikte. Enorm wichtig ist jetzt ein strukturierter Tagesablauf. Für alle Familien, aber insbesondere für jene mit belasteten Kindern. Hilfreich sind fixe Aufstehzeiten, geregelte Mahlzeiten und ein klares Tagesprogramm, das man gut auch aufschreiben kann. Nicht fehlen dürfen Zeit für Spielen und Bewegung, draussen, solange das möglich ist, wobei natürlich auch da die Regeln des «Social Distancing» eingehalten werden müssen. Aber auch in der Wohnung kann geturnt werden. 

Sollen Eltern mit ihren Kindern über die Risiken sprechen?

Dagmar Pauli: Ja natürlich, wobei es ganz wichtig ist, Kinder, die sowieso mit Ängsten zu kämpfen haben, nicht zusätzlich zu verunsichern. Es geht dann vor allem darum, ihnen immer wieder zu versichern, dass für sie und die Eltern das Virus nicht gefährlich ist, dass aber ältere Menschen gefährdet sind und daher zum Beispiel die Grosseltern nicht mehr zu Besuch kommen im Moment. Es hilft sehr, wenn die Eltern selber zuversichtlich bleiben können und den Kindern vermitteln, dass alles vorbei geht und das Leben wieder normal werden wird. Das Thema Coronavirus muss immer wieder auch aktiv beiseitegestellt werden. So dass sich die Gespräche beim Abendessen beispielsweise nicht ständig nur um dieses eine Thema drehen. Es reicht, den Newsticker einmal täglich anzuschauen. Wenn Eltern dauernd über Corona reden, ist das für die Kinder zu viel. Gerade bei belasteten Kindern ist das wichtig. Sie saugen das alles auf und reagieren stark darauf.

«Wenn Eltern dauernd über Corona reden, ist das für die Kinder zu viel.»

Was haben Sie bereits jetzt aus der Situation für Ihre Arbeit gelernt?

Dagmar Pauli: Das Coronavirus hat uns alle völlig unvorbereitet getroffen. Wir müssen, als ganze Gesellschaft, besser vorbereitet sein auf solche Situationen. Man sieht jetzt, auch mit Blick auf andere Länder, wie gefährlich es ist, das Gesundheitssystem kaputt zu sparen, das birgt grosse Risiken. 

Und was ist für Sie persönlich wichtig im Moment, was beschäftigt Sie?

Dagmar Pauli: Ich wünsche mir, dass das «Social Distancing», also das räumliche Abstandhalten zwischen den Menschen, nicht zu einer emotionalen Distanz führt. Wir treffen unsere Freunde im Moment nicht mehr so, wie wir uns das gewohnt waren. Nun müssen wir neue Wege finden, die Freundschaften zu pflegen. Ich lerne das gerade von meinen Kindern, die ihre Kontakte ganz selbstverständlich online pflegen und sich so mit ihren Freundinnen und Freunden austauschen.