Familie & Gesellschaft

Die Pubertät stellt vieles in Frage

Zur Kindererziehung gehört auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Kindern im Teenageralter. Denn Veränderungen, die das Kind mitmacht, betreffen die ganze Familie. Gelassenheit und Verständnis helfen, die Pubertätsphase besser zu überstehen.
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Eine Gruppe Teenager tauscht sich aus.

Bis vor kurzem war die dreizehnjährige Anna ein unkompliziertes Mädchen. In der Schule war sie interessiert, machte pflichtbewusst ihre Aufgaben und auch zu Hause wirkte ihre Fröhlichkeit und Begeisterungsfähigkeit ansteckend. Doch von einem Tag auf den anderen – zumindest den Eltern erschien das so – ist nichts mehr wie früher. Anna erledigt die Hausaufgaben nur noch schludrig, antwortet trotzig und reagiert aufmüpfig. 

Szenenwechsel: Lucas Mutter ist am Boden zerstört, als sie erfährt, dass ihr vierzehnjähriger Sohn zusammen mit Freuden im Supermarkt beim Ladendiebstahl erwischt wurde. Und Tims Eltern sind schockiert, dass ihr fünfzehnjähriger Sohn betrunken von einer Party nach Hause gebracht wurde. 

Eine Phase der Veränderung

Obwohl sich Anzeichen von pubertärem Verhalten allmählich bemerkbar machen und Eltern wissen, wie atypisch Jugendliche sich verhalten – in der Pubertät gerät die Welt oft für alle Beteiligten aus den Fugen. Für Annas, Lucas und Tims Mutter und Vater stehen plötzlich neue Themen im Raum. So ergeht es allen Eltern von pubertierenden Jugendlichen. Unabhängig davon, ob die Veränderungen relativ unaufgeregt daherkommen oder sich teils dramatisch präsentieren. 

Freunde werden wichtiger

Um sich freizustrampeln, reagieren Jugendliche oft absolut und drastisch gegenüber ihren Bezugspersonen. Das Bedürfnis nach Nähe zu den Eltern nimmt ab und das Bedürfnis, mehr mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und sich Neuem und Unbekanntem zuzuwenden, wird grösser. Deshalb reagieren Teenager oft mit Überdruss gegenüber Eltern und allem Vertrautem. Auch wenn der Freundeskreis zunehmend wichtiger wird, Jugendliche brauchen Bestätigung, Verständnis, Interesse, Lob und Vertrauen von ihren Bezugspersonen. Für Mütter und Väter bedeutet das: Dranbleiben lohnt sich.

Überforderung und Angst

Teenager fallen auf und aus dem Rahmen, opponieren und rebellieren, halten sich nicht an Regeln, sprengen Grenzen, benehmen sich seltsam und pfeifen auf Erwachsene. Eltern sind überfordert mit ihren heranwachsenden Töchtern und Söhnen, haben Angst, die Kontrolle zu verlieren und kennen ihr Kind nicht mehr. Lakonisch ziehen Jugendliche den Schluss: «Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden.» Steht es wirklich so schlimm um die heutige Jugend? Sind solche Aussagen bloss Allgemeinplätze oder geben sie die Realität wieder? 

Probleme sind oft ein Tabu

Für viele Eltern war es früher kein Problem zuzugeben, dass das Baby nonstop schrie, nachts nicht schlafen wollte und den Brei herumschmierte, anstatt ihn zu essen. Tauchen jedoch Probleme mit Jugendlichen auf, schweigen sich viele Eltern aus. Obwohl Schwierigkeiten in der Pubertät dazu gehören, spricht die einzelne Familie nicht gerne darüber, dass der Sohn oder die Tochter Grenzen missachtet und macht was er oder sie will. Probleme in der Pubertät scheinen oft mit einem Tabu belegt zu sein. So erstaunt es nicht, dass sich in der Elternberatung die Fragen immer wieder um die Pubertät drehen. Sich Fachleuten anzuvertrauen, fällt vielfach leichter als sich im Freundeskreis über den eigenen Nachwuchs auszutauschen. 

Loslösen ist angesagt

Wie eine Raupe, die sich verpuppt, ziehen sich Teenager zurück. Gemeinsame Berührungspunkte mit den Eltern werden seltener. Der Ausflug mit der Familie oder die Fahrradtour mit Papa werden zur Pflicht und Unternehmungen im Freundeskreis bevorzugt. Freundinnen und Freunde gewinnen an Bedeutung. Obwohl es für Eltern nicht einfach ist, zu erleben, wie sich das Kind langsam löst, Schritte in die Selbstständigkeit sind wichtig auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Ein solcher Prozess bedeutet ja nicht das Ende der Eltern-Kind-Beziehung, sondern ein neuer Anfang einer anderen Form von Beziehung. 

Gelassenheit hilft

Wichtig ist, Pauschalisierungen zu vermeiden, diese Phase gelassen anzugehen und Auseinandersetzungen nicht auszuweichen. Jugendliche suchen den Austausch mit einem Gegenüber, wenn auch teils auf provokative Weise. Ganz reibungslos verläuft der Prozess des Erwachsenwerdens wohl kaum, doch Reibung erzeugt Wärme und trägt dazu bei, die Beziehung zum eigenen Kind zu festigen oder neu zu definieren. Auch wenn es zeitweise stürmisch zu und hergeht, die Pubertät ist wichtig und wird, genauso wie das Trotzalter, vorbeigehen.

Ratgeber für die Pubertätsphase

Im Extrabrief Teenager macht Pro Juventute die Pubertät zum Thema. Ohne zu polarisieren wird dieses Auf und Ab der Gefühle in allen Facetten beleuchtet. Gegliedert in relevante Themenbereiche wie Teenager und ihre Eltern, Schule und Ausbildung, Medien im Jugendalter, Geld und Konsum, Freizeit und Ausgang, Liebe und Sexualität, Gesundheit und Wohlbefinden, Positives Körpergefühl stärken und Rechte und Pflichten werden verschiedene Aspekte aufgeführt und wesentliche Punkte beleuchtet. Mit dem «Extrabrief» Teenager möchte Pro Juventute Familien während dieser spannenden, aber auch anspruchsvollen Entwicklungsphase unterstützen und begleiten.

Eine erste Fassung dieses Textes ist im ElternMagazin Fritz+Fränzi erschienen.