Familie & Gesellschaft

Wenn Teenager Eltern herausfordern

Ist Kinder erziehen, ohne zu streiten möglich oder wünschenswert? Was sollen Eltern tun, wenn sie der Ärger mitreisst und sie ihr Verhalten im Nachhinein bereuen? Wenn es nicht ohne Streit geht, besteht die Kunst darin, wieder herauszufinden. Ein Versuch, solch brennende Fragen zu beantworten.
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Mutter im Gespräch mit Teenagern. Tipps im Umgang mit Streitigkeiten in der Familie.

Teenager möchten unabhängig sein und benötigen Freiräume, um Dinge auszuprobieren und selbstständig zu werden. Um das Zusammenleben zu gestalten, braucht es Regeln, die je nach Situation angepasst oder verändert werden müssen. Obwohl Abmachungen erklärt oder gemeinsam ausgehandelt werden, entstehen immer wieder Reibungen, die zu Streit führen. 

Ausbrüche provozieren

Möglicherweise ärgern sich Jugendliche über die Vorgaben der Eltern. Mit Türen zuschlagen, Schimpfwörter austeilen oder Gesprächsverweigerung tun sie ihren Ärger kund. Vielleicht gelingt es Eltern solchen Ausbrüchen ruhig, sachlich und verständnisvoll entgegenzutreten. Unter Umständen nervt das Verhalten des Teenagers jedoch so sehr, dass Eltern ebenfalls die Fassung verlieren, wütend werden oder eingeschnappt sind. Auch Mütter und Väter reagieren nicht immer wie vernünftige Erwachsene und werden nachher oft von Schuldgefühlen geplagt. Niemand streitet gern, doch Streit kommt wahrscheinlich in allen Familien vor.

Nähe erzeugt Reibung

Streit ist ein Zeichen dafür, dass man einander nahe ist, denn Nähe erzeugt Reibung. Alarmierend ist, wenn so viel gestritten wird, dass die gesamte Atmosphäre vergiftet ist oder Streitereien sehr heftig sind. Schlimm ist auch, wenn man nicht mehr aus einem Streit herausfindet und es nicht länger möglich ist, schöne Momente gemeinsam zu erleben und zu teilen. Wichtig also, dass Eltern Kindern vorleben, wie sich ein Streit auf konstruktive Weise beenden lässt und wie man sich aussöhnt.

Streiten offenbart Schwächen 

Durch einen Streit spüren Kinder, dass ihre Eltern nicht perfekt sind. Das ist für Erwachsene nicht unbedingt angenehm. Doch Anspruch, dass Eltern immer ruhig bleiben sollten, ist unrealistisch und nicht sinnvoll. Auseinandersetzungen, bei denen irgendein Familienmitglied zwischendurch die Fassung verliert, gehören dazu. Aus irgendeinem Grund fühlt man sich angegriffen oder verletzt. Um sich zu schützen, reagiert man genervt und beginnt sich zu verteidigen. Schon dreht sich die Spirale und sachliche Diskussionen sind nicht länger möglich. Nun gilt es Distanz zu gewinnen und nachzuspüren, weshalb man die Beherrschung verloren hat. Nach einem Streit sollten Eltern einen Weg finden, die Wogen zu glätten. Dazu gehört, auf die Kinder zuzugehen und Schritte zur Versöhnung zu machen.

Sich ungerecht behandelt fühlen

Ein Familienstreit entsteht, wenn sich Eltern oder Kinder ungerecht behandelt fühlen. Zu solchen Situationen gehören Gefühle wie Ohnmacht, Wut oder gekränkt sein. Eigentlich möchte man nicht streiten und zugleich will man sich verteidigen. In diesen Augenblicken werden leicht Vorwürfe gemacht: Wie kann meine Tochter nur so undankbar sein? Sieht der Junge denn nicht, dass ich es nur gut meine? Hilfreich ist, sich im Nachhinein zu überlegen, warum man sich geärgert hat, und die wunden Punkte besser kennenzulernen und zu benennen. Dass es beim Zusammenleben Meinungsverschiedenheiten gibt, ist unumgänglich. Ob sich daraus ein Streit entsteht, hängt von den Reaktionen jedes Einzelnen ab. Manchmal sind auch engagierte und zugleich hitzige Diskussionen möglich, die nicht zu Streitigkeiten führen.   

Versöhnung gehört dazu

Nach einem Streit dauert es womöglich eine Weile bis sich die Wogen geglättet haben. Räumlich Abstand nehmen hilft, auch innerlich Distanz zu gewinnen. Zu einer guten Streitkultur gehört, dass man sich aussöhnt und sich entschuldigt, wenn man zu weit gegangen ist. Kinder, die erleben, wie Eltern ihr Verhalten reflektieren und sich auch entschuldigen können, sind eher bereit, sich mit den eigenen Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. Manchmal braucht es etwas Zeit, um aufeinander zuzugehen. Falls das zu viel abverlangt, können Eltern auch nachfragen, ob das Kind weiss, worüber sie sich geärgert haben. Und sich zu versöhnen, bedeutet auch, alte Geschichten ruhen zu lassen. 

Tipps für Eltern

  • Sorgen Sie dafür, dass Sie sich wieder beruhigen. Meistens hilft Abstand zu nehmen und beispielsweise den Raum zu verlassen, mit jemandem zu telefonieren, sich abzulenken.
  • Lassen Sie auch Ihrem Kind genügend Zeit, um sich abzureagieren.
  • Gehen Sie auf Ihr Kind zu, sobald sich Ihre Gemütslage wieder normalisiert hat.
  • Machen Sie Ihrem Kind keine Vorwürfe, sondern versuchen sie zu verstehen, weshalb es sich ungerecht behandelt fühlt.
  • Entschuldigen Sie sich, wenn Sie unfair waren oder überreagiert haben.
  • Holen Sie sich Hilfe, wenn eine Versöhnung nicht gelingt, nur noch gestritten wird oder die Streitereien sehr heftig werden. Melden Sie sich bei der Pro Juventute Elternberatung. Rundum die Uhr sind Fachleute für Sie da.