Ab wann dürfen Jugendliche wie lange in den Ausgang?
Wenn Jugendliche älter werden, zieht es sie immer mehr zu ihren Freund*innen: Party, Kino, Musik, Sport oder einfach nur Zeit mit Gleichaltrigen – das alles gehört zu dieser Lebensphase. Das Bedürfnis wächst, abends ohne Eltern wegzugehen und zunehmend auch länger unterwegs zu sein. Im Vordergrund steht der Spass, doch gleichzeitig sammeln Jugendliche dabei wichtige Lebenserfahrungen. Sie müssen selbst Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Im Freundeskreis finden sie Zugehörigkeit und Bestätigung.
Für Eltern kann es eine Herausforderung sein, diese neuen Freiräume zuzulassen, während sie gleichzeitig für Sicherheit sorgen und klare Regeln setzen möchten. Viele sind unsicher, wie viel Freiheit sie ihrem Kind geben können und möchten.
Rechtliche Situation in der Schweiz
In der Schweiz gibt es kein nationales Gesetz, ab welchem Alter Jugendliche abends ausgehen, in die Disco oder in einen Club gehen dürfen. Manche Kantone und Gemeinden haben aber eigene Vorschriften, sogenannte Ausgangssperren oder Regeln für Gastronomiebetriebe. Diese besagen zum Beispiel, dass Jugendliche unter 16 Jahren ab einer bestimmten Uhrzeit nur noch mit einer erwachsenen Begleitperson draussen sein dürfen oder Jugendliche sich ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr in einer Bar, einem Club oder einer Disco aufhalten dürfen. Informationen zu lokalen Regeln gibt es bei der Gemeinde oder dem Kanton.
Viele Clubs und Discos in der Schweiz definieren von sich aus Altersgrenzen. Meistens müssen Jugendliche mindestens 16 oder 18 Jahre alt sein, um eingelassen zu werden. Manchmal dürfen aber jüngere Jugendliche mit ihren Eltern oder einer anderen erwachsenen Begleitperson in die Disco. Darüber hinaus gilt: Bis zum 18. Geburtstag entscheiden die Eltern, wie lange ihr Kind ausgehen und beispielsweise an Partys und Konzerten teilnehmen darf.
Ausgangs-Regeln passend zur Reife
Viele Eltern kennen die Diskussion mit ihrem Nachwuchs: «XY darf mit 12 Jahren am Wochenende schon bis 23 Uhr weg. Wieso muss ich um 22 Uhr zu Hause sein?», fragt die 14-jährige Tochter. Manche wünschten sich deshalb, es gäbe einheitliche Richtlinien mit verbindlichen Zeitangaben. Doch so einfach ist es nicht.
Welche Abmachung stimmig ist, ist unter anderem von Wohnort, Reife, Persönlichkeitsentwicklung, Charakter, etc. abhängig. Es ist Sache der Eltern, eigene Regeln passend zur Entwicklung des Kindes aufzustellen. Sinnvoll ist es, die räumlichen und zeitlichen Freiheiten Schritt für Schritt auszuweiten. Denn wie viele andere Dinge, ist auch der Umgang mit Freiheit ein Lern- und Entwicklungsprozess, den jede*r Jugendliche im eigenen Tempo durchläuft.
Folgende Fragen können hilfreich sein, um zu entscheiden, ob das eigene Kind bereit ist, mehr Freiheit zu haben:
- Hält sich das Kind sonst an Abmachungen? Ist es zuverlässig?
- Erzählt es, was es so macht und mit wem es sich trifft? Spricht es mit den Eltern, wenn etwas vorgefallen ist?
- Ist das Kind selbstständig genug, allein mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Fahrrad in den Ausgang und auch wieder zurückzufahren?
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Das sagen die Jugendlichen selbst
Wir haben Mitglieder des Youth Advisory Board von Pro Juventute im Alter von 12 bis 25 Jahren gefragt, ab welchem Alter Jugendliche ihrer Meinung nach bereit sind, ohne Eltern auszugehen. Rund je ein Drittel hält 12 beziehungsweise 14 Jahre für das richtige Alter für erste Ausgangserfahrungen. 22 Prozent finden dagegen, dass Ausgang ohne Eltern erst ab 16 Jahren sinnvoll ist. Die übrigen Antworten zeigen, dass die Einschätzung stark von den Umständen abhängt. So schreibt eine Person: «Kino finde ich schon mit 12 oder 14 Jahren easy! Richtige Partys und Clubs dann mit 16!»
Freiraum schrittweise ausweiten
Mit Gleichaltrigen unterwegs zu sein und ohne Erwachsene Verantwortung für sich zu übernehmen, ist eine wichtige Erfahrung für Jugendliche. Eltern sollten den Ausgang nicht verbieten, bis Jugendliche mit 18 selbst entscheiden dürfen. Das ist wenig hilfreich. Natürlich müssen 14-Jährige nicht gleich in die Stadt in den angesagtesten Club. Erste Ausgang-Erfahrungen bieten etwa der Jugendclub, das Kino im Nachbarort oder der Filmabend bei Gspänli, wenn deren Eltern weg sind. Klappt das gut und halten sich Jugendliche an die Abmachungen, kann der Freiraum schrittweise ausgedehnt werden.
Wichtige Fragen vor dem Ausgang
- Mit wem geht das Kind weg?
- Wohin geht es genau?
- Gibt es da Alkohol? Werden Suchtmittel konsumiert?
- Wie kommt es wieder nach Hause?
Gerade jüngere Jugendliche freuen sich oft, wenn Eltern sich bereit erklären, sie wohin zu fahren oder abzuholen. Für die Selbstständigkeit kann es aber auch hilfreich sein, wenn Teenager selbst organisieren müssen, wie sie zu einer Party und wieder nach Hause kommen. Im Notfall sind Jugendliche froh um die Unterstützung der Eltern. Dies berichten mehrere Jugendliche in der Umfrage: «Wenn ich aus einer Situation raus wollte – egal um welche Uhrzeit –, konnte ich meine Eltern anrufen und sie holten mich ab, ohne Fragen zu stellen,»
Loslassen − gar nicht so einfach
Eltern dürfen grundsätzlich Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Jugendlichen haben, ohne gleich das Schlimmste zu erwarten. Trotzdem kann es hilfreich sein, verschiedene Szenarien zu besprechen:
- An wen kann sich das Kind vor Ort wenden, wenn es sich nicht wohlfühlt?
- Was kann das Kind machen, wenn es den Anschluss an die Gruppe verliert?
- Was ist, wenn sich die Pläne der Gruppe ändern? Was ist okay, was nicht?
- Wer ist im Notfall erreichbar und könnte das Kind auch abholen?
Einige Jugendliche teilen mit ihren Eltern freiwillig per Handy oder AirTag ihren Standort, damit diese im Notfall wissen, wo sie sich aufhalten. Auch das zeigt die Umfrage. Wenn ein solches Tracking abgesprochen ist und sich für beide Seiten stimmig anfühlt, kann es das Loslassen erleichtern. Es ersetzt aber den Austausch mit den Jugendlichen und das schrittweise Ausweiten des Freiraums nicht. Gleichzeitig betonen Jugendliche, dass Eltern sie nicht ständig orten oder laufend anrufen sollten. «Es muss ein gewisses gegenseitiges Vertrauen bestehen.»
Hilfreich kann auch sein, am nächsten Tag nachzufragen, wie es war und ob etwas vorgefallen ist.
Gespräche mit anderen Eltern können helfen, eigene Ängste auszusprechen und zu lernen, diese auszuhalten. Oftmals wächst das Vertrauen zudem von Mal zu Mal, wenn der Ausgang gut gelaufen ist und sich Jugendliche an die abgemachten Regeln halten. Hilfreich kann auch sein, am nächsten Tag nachzufragen, wie es war und ob etwas vorgefallen ist, worüber das Kind sprechen möchte. Auch freudige Momente und Erlebnisse miteinander zu teilen kann Vertrauen aufbauen.
Viele Jugendliche erzählen nach wie vor gerne von ihren Erfahrungen, sofern Eltern zuhören, ohne zu urteilen. Andere teilen ihre Erfahrungen ungern und jedes Nachbohren führt erst recht dazu, dass sich Jugendliche verschliessen. Wichtig bleibt aber auch dann, zu signalisieren, dass jederzeit ein offenes Ohr vorhanden ist, wenn sich Jugendliche mitteilen möchten. Vertrauen schafft zudem, wenn Eltern von ihren eigenen Erfahrungen berichten.
Was, wenn sich Jugendliche nicht an Abmachungen halten?
Kommen Jugendliche wiederholt zu spät nach Hause oder konsumieren sie etwa trotz gegenteiliger Abmachung Alkohol, ist es unter Umständen sinnvoll, Freiheiten ein Stück weit einzugrenzen. Es sollte dabei aber nicht um Strafen gehen, sondern um die Frage, was das Kind braucht, um sich an die Abmachungen zu halten. Es ist auch gut, schon vorher gemeinsam zu besprechen, welche Konsequenzen es hat, wenn die Abmachungen erneut nicht eingehalten werden. Oftmals haben Jugendliche selbst hierzu gute Vorschläge.
Eltern sollten immer ehrliches Interesse am Leben der Kinder haben. Dazu gehört auch, dass sie sich dafür interessieren, weshalb Jugendliche in den Ausgang möchten. Welches Bedürfnis steckt dahinter? Was möchten sie unternehmen? Mit welchen Personen möchten sie Zeit verbringen? Wichtig ist, zuzuhören ohne gleich zu verurteilen. Und wenn der Wunsch des Sohnes oder der Tochter noch nicht erfüllt werden kann, können mit einer guten Vertrauensbasis alternative Optionen besprochen werden. Letztlich dürfen sich Eltern freuen, wenn Kinder losziehen möchten, um eigenen Erfahrungen zu machen. Es gehört zur Pubertät dazu und zeigt, dass Jugendliche eine zentrale Entwicklungsaufgabe wahrnehmen.
Tipps in Kürze
- Wann Jugendliche reif sind, ohne Eltern auszugehen, ist individuell. Eltern müssen eigene Regeln aufstellen.
- Besprechen Sie im Vorfeld, wohin und mit wem Ihr Kind unterwegs ist.
- Definieren Sie eigene Familienregeln, zum Beispiel zum Umgang mit Alkohol.
- Reden Sie über mögliche Risiken und vereinbaren Sie, wer im Notfall erreichbar ist.
- Seien Sie für Ihr Kind da, wenn es etwas Beunruhigendes erlebt hat. Hören Sie zu, ohne zu urteilen.
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