Medien & Internet

Bildschirmmedien altersgerecht nutzen

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit digitalen Medien im Erziehungsalltag ist ein Dauerbrenner. Als Richtlinie für Eltern hat der Psychoanalytiker Serge Tisseron seine bestehenden 3-6-9-12 Regeln den veränderten Begebenheiten angepasst. Seine Empfehlungen im Überblick.
Image
Familie spielt zusammen am iPad.

Digitale Medien gehören zu unserem Alltag und Kinder müssen lernen, damit umzugehen. Für Eltern bedeutet das, dass sie diesen Lernprozess begleiten. Bereits vor Jahren erkannte der französische Psychoanalytiker Serge Tisseron diese Notwendigkeit und entwickelte mit den 3-6-9-12 Regeln erstmals Empfehlungen für die verschiedenen Altersstufen. Im Zug der rasanten Entwicklung von digitalen Medien überarbeitete Serge Tisseron Ende 2019 seine wegweisenden Empfehlungen. Grundsätzlich ermutigt er Eltern, Kinder im Umgang mit digitalen Medien zu begleiten, sie in die digitale Welt einzuführen und ihr Lernen zu unterstützen. In seiner neuen 3-6-9-12 Empfehlung distanziert er sich von seinen früheren Vorgaben, ab welchem Alter Bildschirme, Spielkonsolen oder das Internet genutzt werden können. Vielmehr geht es nun darum, Schritt für Schritt die Medienkompetenz der Kinder zu fördern. 

Medienregeln müssen für die Familie passen

Es gibt keine allgemeingültige Regelung zu Bildschirmzeiten. Empfohlene Zeitangaben geben einen Orientierungsrahmen, damit ist es aber nicht getan. Wichtig ist, dass die Medienerziehung zur Familie und zur Überzeugung der Eltern passt. Es empfiehlt sich, möglichst wenig, dafür klare Regeln zur Mediennutzung aufzustellen. Durch Finden und Festhalten von Werten und Zielen eignen sich Eltern eine persönliche Haltung an, die sie im selbstsicheren Handeln gegenüber ihren Kindern unterstützt. 

Aufgeteilt auf die vier Altersstufen sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Weitere Informationen zur 3-6-9-12-Regel finden sich unter www.3-6-9-12.org/

Die neuen 3-6-9-12 Regeln

Kleinkinder bis drei Jahre

Smartphone oder Tablets sollen Kleinkinder nur in Begleitung nutzen. Eltern sollten digitale Geräte nicht aus der Hand geben und Dauer und Inhalte eingrenzen. Sind Babys und Kleinkinder im Raum empfiehlt es sich, den Fernseher auszuschalten. Schon auf kleine Kinder üben digitale Medien eine magische Anziehungskraft aus. Doch Geräusch- und Bildeffekte sowie das meist schnelle Tempo überreizen oft. Babys und Kleinkinder beobachten genau, wie Eltern digitale Tools nutzen und welchen Stellenwert sie diesen Geräten beimessen. Eltern üben also einen grossen Einfluss auf das Kind aus und können ihre Vorbildrolle positiv nutzen. Sobald Eltern den Bildschirm ausschalten, signalisieren sie dem Kind, dass es nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung erhält.

Obwohl diese Vorgaben einleuchtend sind, lassen sie sich in der Realität nicht immer durchsetzen. Manchmal möchte man sich einfach eine kurze Verschnaufpause gönnen und nutzt die Wirkung von Bildschirmmedien. Das ist verständlich und doch sollten Eltern den Umgang mit Smartphone und Tablets steuern und so gezielt wie möglich einsetzen.

Kinder von drei bis sechs Jahren

Eltern sollten die Bildschirmzeit für Vorschulkinder begrenzen. Wichtig ist auch, geeignete Inhalte auszuwählen und digitale Medien gemeinsam zu nutzen. Durch klare Regelungen weiss das Kind, was es darf und was nicht. Als Grundprinzip gilt: Kein Bildschirm während den Essenszeiten, vor dem Einschlafen oder um das Kind zu beruhigen. Digitale Medien zur Belohnung oder Bestrafung zu verwenden, ist ebenfalls nicht ratsam. Auch als Babysitter sollten Bildschirmmedien besser nicht eingesetzt werden. Langeweile ist eine wichtige Erfahrung und hilft Kindern, zur Ruhe zu kommen. In diesem Vakuum bleibt Zeit, Ideen zu entwickeln, eigenaktiv zu sein und kreativ zu werden.

Auch diese Empfehlungen sind als Richtlinien gedacht. Dass der Alltag teilweise anders aussieht, ist verständlich. Ab und zu sind Eltern einfach froh, dass die Kinder einen Moment lang beschäftigt sind und sie in Ruhe etwas Wichtiges fertigmachen können. Dagegen gibt es nichts einzuwenden, wenn es nicht zur Regel wird. Und die Eltern sollten wissen mit welchem Inhalt sich die Kinder beschäftigen, wenn sie allein am Bildschirm sind.

Kinder von sechs bis neun Jahren

Um digitale Medien kreativ zu nutzen, müssen Kinder die Prinzipien des Internets kennen und verstehen. Angepasst an das Alter ihres Kindes sollten Eltern auf Risiken und Chancen von digitalen Medien hinweisen. Dazu gehört, dass Kinder wissen: Daten, die im Netz sind, können nie mehr ganz gelöscht werden und an die Öffentlichkeit gelangen. Auch darf man nicht alles glauben, was im Internet zu sehen oder zu lesen ist. Durch Achtsamkeit beim Teilen von persönlichen Daten sorgt das Kind für seinen eigenen Persönlichkeitsschutz. Es braucht weiterhin klare Regeln, eine Auswahl geeigneter Inhalte und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Bildschirmzeit und medienfreien Aktivitäten. Eltern sollten den Zugriff auf digitale Medien zeitlich und örtlich begrenzen. Tablet, Fernseher und Computer gehören beispielsweise nicht ins Kinderzimmer. 

Je älter die Kinder werden, desto mehr Verhandlungsspielraum bleibt. Ausgewogen bedeutet nicht, dass es immer gleich ist. Ein verregneter Sonntag oder die Ferienzeit kann durchaus anders gehandhabt werden als der «normale» Alltag.

Kinder von neun bis zwölf Jahren

Mit zunehmendem Alter werden Abmachungen gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt und festgelegt. Von beiden Seiten werden Bedürfnisse eingebracht, Erfahrungen einbezogen und Vorschläge eingeholt. Eine offene und respektvolle Haltung ermöglicht Eltern und Kindern herauszufinden, welche Regelungen umsetzbar und annehmbar sind. Trotzdem müssen Eltern gewisse Entscheidungen alleine treffen. Beispielsweise, ob das Kind das Internet unbegleitet nutzen darf oder nicht. Diskussionen mit dem Kind unterstützen solche Entscheidungsprozesse. Das gilt auch für die Frage, ab wann ein eigenes Mobiltelefon sinnvoll ist. 

Nicht immer kommt es gut an, wenn Eltern anders entscheiden, als Kinder das möchten. Es braucht Erklärungen, weshalb gewisse Dinge nicht toleriert werden. Gut möglich, dass solche Entscheidungen auf Unverständnis stossen, weil die Bedürfnisse unterschiedlich sind oder Erwartungen nicht erfüllt werden. Das braucht Energie und für Eltern ist es nicht immer leicht, diesen Unmut auszuhalten und erzieherischen Grundsätzen treu zu bleiben. Ziemlich sicher müssen Vereinbarungen auch von Zeit von Zeit wieder angepasst werden.

Kinder ab zwölf Jahren

Ab einem gewissen Zeitpunkt surft das Kind allein im Internet. Durch Einführungen, gemeinsame Abmachungen und klare Grenzen eröffnen Eltern den Kindern neue Lern- und Experimentierfelder. Nach wie vor braucht es festgelegte Zeitfenster und die Verfügbarkeit der Eltern. Auch wenn die Elternrolle mehr begleitend ist, Gespräche über Downloads, Plagiate, Pornografie, Mobbing und Belästigungen bleiben wichtig. Und nachts sollten WLAN und Handys ausgeschaltet sein. Obwohl es wichtig ist, dass Eltern die Privatsphäre ihres Kindes respektieren, eine medienfreie Nachtruhe ist wichtig.

Kinder und Jugendliche sollen weiterhin über Gefahren wie Cybermobbing, Cybergrooming, Sexting und Verstösse gegen das Gesetz aufgeklärt werden. So lernen sie, sich angemessen zu verhalten und mit Problemen umzugehen Eine gegenseitige Vertrauensbeziehung gibt Jugendlichen die Gewissheit, dass die Eltern da sind, wenn sie über etwas reden wollen oder Hilfe brauchen.

Auch wenn es Geduld braucht und nicht immer einfach ist, hilfreich ist, wenn Eltern Verständnis zeigen und auch in schwierigen Situationen Offenheit signalisieren. Sich Zeit für Gespräche zu nehmen, lohnt sich. Obwohl es  manchmal nicht danach aussieht, Jugendliche nehmen mehr von den Eltern mit als sie annehmen. Und doch müssen Eltern von Heranwachsenden lernen zu akzeptieren, dass der Sohn oder die Tochter immer öfter eine eigene und vielleicht andere Meinung vertritt. Ein konstruktiver und «ruhiger» Dialog ist eine gute Methode, auch wenn sie manchmal etwas Geduld abverlangt.