Medien & Internet

Wenn Sexting öffentlich wird

Sich sexy in Pose setzen, knipsen, posten, ist inzwischen weit verbreitet. Vergessen geht dabei oft, dass selbst rasch wieder gelöschte Bilder bereits x-fach kopiert sein können und einem die Kontrolle über die Verbreitung entgleitet. Gerade bei sexueller Selbstdarstellung ist äusserste Vorsicht geboten.
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Fotos sind schnell gemacht, aber gelöscht? Schwierig, darum Vorsicht bei sexueller Selbstdarstellung.

Dass man einander Fotos aus den Ferien, von Reisen, Bekanntschaften und speziellen Anlässen zeigt, war schon bei den Generationen vor dem Smartphone üblich. Klickt man sich heute durch soziale Netzwerke wie z.B. Instagram stösst man auf unzählige Bilder von Menschen, die sich in Pose setzen. Leicht geht dabei vergessen, dass Bilder, die einmal im Netz sind, sich nicht mehr entfernen lassen. Selbst wenn ein Bild beim eigenen Kanal gelöscht wird, ist es vielleicht schon x-fach kopiert worden. Deshalb sollte man sich gut überlegen, wie man sich darstellt und wo man dies tut. Das gilt besonders für sexuelle Selbstdarstellung. Teilt man die Fotos mit Dritten oder veröffentlicht diese, verliert man schnell die Kontrolle über vermeintlich private Inhalte. Jugendliche und Erwachsene sind gleichermassen gefordert, ihr Medienverhalten zu reflektieren.

Sich selber darstellen

Sexting ist ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Der Ausdruck setzt sich aus den beiden englischen Wörtern «Sex» und «Texting» zusammen und bezeichnet den Austausch selbst produzierter intimer Fotos oder Videos. Sexting ist nicht zu verwechseln mit dem Versenden anonymer erotischer oder pornografischer Darstellungen. Bei Sexting werden Bilder mit leicht erotischer bis eindeutig sexuellen Inhalt geteilt. Zu Beginn der Pubertät ist das Schamgefühl oft noch grösser als der Drang, Neues auszuprobieren und solche Inhalte von sich selbst zu teilen. Mit dem Älterwerden können jedoch die eigene Neugier oder der Druck anderer Jugendlicher vermehrt dazu verleiten, Sexting zu betreiben. Das Alter spielt also bei diesem heiklen Thema eine entscheidende Rolle.

Fataler Vertrauensbeweis

Wenn Jugendliche Sexting betreiben, tun sie dies meist im Rahmen einer bestehenden intimen Beziehung – um zeitliche und räumliche Distanz zu überbrücken oder als Vertrauensbeweis. Sexting wird aber auch benutzt, um neue Beziehungen oder einen unverbindlichen Flirt anzubahnen. Leider kommt es auch vor, dass erwachsene Unbekannte unter Pseudonymen in Chatrooms mit Jugendlichen Kontakt aufnehmen und diese mit ausgetauschten Nacktbildern unter Druck setzen oder gar erpressen (siehe auch Cybergrooming). Wichtig ist, dass Jugendliche im Umgang mit Fotos bei Fremden besonders zurückhaltend und vorsichtig sind.

Hilfe bei Missbrauch

Zirkulieren intime Fotos im Netz oder auf Handys von Mitschülern und Mitschülerinnen, lässt sich dies nicht rückgängig machen. Der Schaden für die betroffene Person ist gross. Wichtig ist, dass die Betroffenen sofort Hilfe erhalten und von Eltern, Bezugspersonen oder neutralen Fachleuten, wie Schulsozialarbeiterin, Schulsozialarbeiter, begleitet und bestärkt werden. Mit Beratung + Hilfe 147 bietet Pro Juventute eine kostenlose anonyme Beratungsstelle an, die Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr zur Verfügung steht. Eltern und Bezugspersonen von betroffenen Jugendlichen können sich an die Elternberatung der Pro Juventute wenden um Hilfestellung zu erhalten.

Strafbare Handlungen

Sobald jemand unter Druck gesetzt wird, von sich selbst erotisches Bildmaterial zu teilen, handelt es sich um eine Form von Nötigung und nicht um Sexting. Zum Beispiel die Forderung: «Wenn du mich liebst, schickst du mir ein Bild mit nacktem Oberkörper.» Nötigung ist ein Straftatbestand, der angezeigt werden kann. Werden Fotos, Filme oder Webcam-Mitschnitte ohne Wissen und Zustimmung der betroffenen Personen kopiert und veröffentlicht, ist dies ebenfalls rechtswidrig und strafbar. Schon die Drohung, intime Fotos zum Beispiel von Exfreunden und Exfreundinnen zu veröffentlichen, ist rechtswidrig.

Das Geschäft mit der Erpressung

Ebenso gegen das Gesetzt verstösst «Sextortion», ein Begriff der sich aus «Sex» und «Extortion», dem englischen Wort für Erpressung, zusammensetzt. Mit falschen Identitäten versuchen Kriminelle, Bildmaterial zu beschaffen und für Erpressungszwecke zu missbrauchen. Sobald das geglückt ist, verlangen sie Geld und drohen damit, das Bild- oder Videomaterial an Schulkolleginnen und Schulkollegen, Familienmitglieder oder an den Lehrbetrieb zu senden. Tendenziell werden Mädchen eher aufgefordert, sich sexuell zu exponieren, während Jungen von angeblich jungen, attraktiven Frauen angechattet werden. Von diesen erhalten sie freizügige Fotos und Filme und werden im Gegenzug dazu aufgefordert, intime Fotos von sich zu schicken.

Erlaubte und rechtswidrige Praktiken

Zur Herstellung, zum Austausch und zur Weiterverbreitung von Bildern oder Filmen mit sexuellem Inhalt gibt es Gesetze. Wer unter 16 Jahre alt ist – das Schutzalter in der Schweiz – und selbst Bilder mit sexuellem Inhalt erstellt, diese Inhalte weiterverbreitet und anderen zugänglich macht, macht sich der Kinderpornografie schuldig. Wer älter als 16 aber jünger als 18 Jahre alt ist, darf Bilder von sich selbst mit sexuellem Inhalt produzieren, diese aber nur an eine Person in der gleichen Alterspanne (16-18) versenden. Dies ist erlaubt, sofern beide beteiligten Personen ausdrücklich damit einverstanden sind. Auf keinen Fall dürfen diese Bilder oder Videos jedoch an Drittpersonen gelangen. Mit der Volljährigkeit ist das Versenden von Bildern mit sexuellem Inhalt an Personen, die sich nicht mehr im Schutzalter befinden, erlaubt (Art. 197 Abs. 4 StGB).

Tipps für Eltern

  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über das, was es im Netz erlebt. Bieten Sie Ihrem Kind auch an, dass es sich bei einer anderen Vertrauensperson aussprechen kann.
  • Greifen Sie in der Familie das Thema Selbstdarstellung im Netz auf. Zeitungsberichte über Sexting- und Sextortion-Fälle können geeignete Aufhänger für Gespräche dieser Art sein.
  • Gehen Sie auch das Thema Gruppendruck und die Dynamik von Beziehungen ein. Fragen Sie nach: Warum macht man mit, warum nicht? Wann gehört man dazu, wann nicht mehr?
  • Besprechen Sie mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn, welche Fotos riskant sind. Als Faustregel gilt: Publizierte Bilder sollten so beschaffen sein, dass diese auch mit gutem Gefühl in einer Zeitung erscheinen dürften. Was als persönlicher Austausch begann, kann ungewollt oder nach dem Auseinanderbrechen einer Beziehung oder Freundschaft in einem grösseren Kreis veröffentlicht werden.
  • Raten Sie Ihrem Kind dringend davon ab, Nacktbilder oder sexuell gefärbte Bilder ins Netz zu stellen, zu versenden oder auf einem ungesicherten Gerät aufzubewahren.

Was tun Sie, wenn ihr Kind von einer missbräuchlichen Veröffentlichung betroffen ist?

  • Stärken Sie Ihrem Kind den Rücken und kritisieren Sie die missbräuchliche Verwendung der Inhalte und nicht die Selbstdarstellung an sich. Drohen Sie nicht mit Entzug der entsprechenden Geräte. Dies birgt das Risiko, dass Ihr Kind Ihnen nichts von einer unangenehmen Situation erzählt.
  • Versuchen Sie ohne Vorurteile herauszufinden, weshalb Fotos versendet wurden. Gab es Situationen, in denen Druck auf Ihr Kind ausgeübt wurde?
  • Informieren Sie die Person, welche die Bilder verbreitet hat oder droht, diese zu veröffentlichen, dass Sie rechtliche Schritte planen.
  • Nehmen Sie bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch und lassen Sie sich von Fachleuten beraten. Unter Pro Juventute «Beratung + Hilfe 147» finden Sie Expertinnen und Experten, welche Ihre Tochter oder Ihren Sohn auf Wunsch anonym und kostenlos beraten.

Wie reagieren Sie, wenn Ihr Kind missbräuchliche Inhalte einer Drittperson erwähnt?

  • Nehmen Sie die Sache ernst, ohne die Selbstdarstellung zu verurteilen.
  • Fordern Sie Ihr Kind auf, kompromittierende Bilder zu löschen. Auch der Besitz ist möglicherweise strafbar, beispielsweise wenn es sich um Kinderpornografie oder sexuelle Gewalttätigkeiten handelt.
  • Informieren Sie die Lehrperson oder die Schulsozialarbeiterin, den Schulsozialarbeiter, damit sich eine negative Gruppendynamik rechtzeitig stoppen lässt.

Wie gehen Sie vor, wenn Ihr Kind selbst Missbrauch betrieben haben?

  • Bestärken Sie Ihr Kind darin, die Sache wiedergutzumachen. Weisen Sie auf die mögliche Strafbarkeit seines Handelns hin.
  • Besprechen Sie mit Ihrem Kind, wie der Schaden begrenzt werden kann. Fragen Sie nach, welche Inhalte wo gelandet sind und wie diese entfernt werden können.
  • Weisen Sie Ihr Kind darauf hin, alle Bilder, die es verbreitet hat, umgehend zu löschen und gleichzeitig alle anderen aufzufordern, die Bilder ebenfalls zu löschen.
  • Informieren Sie die Lehrperson oder die Schulsozialarbeiterin, den Schulsozialarbeiter, damit sich eine negative Dynamik innerhalb der Gruppe rechtzeitig stoppen lässt.
  • Holen Sie sich bei Bedarf professionelle Hilfe und lassen Sie sich von Fachleuten beraten.