Medien & Internet

Die Flut an Kinderfotos in sozialen Medien

Schöne Momente zur Erinnerung festzuhalten, ist nichts Neues. Auf sozialen Netzwerken Fotos und Videos mit Freunden, Familie und Bekannten zu teilen, ist zur Normalität geworden. Eine Entwicklung, die auch vor Familien nicht Halt macht und sich durch die Corona-Krise vielleicht noch verstärkt.
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Verängstigtes Mädchen. Eltern sollten ihre Kinder fragen, bevor sie deren Bilder ins Netz stellen.

Digitale Medien ermöglichen uns, unsere Sozialkontakte zu pflegen und miteinander in Verbindung zu bleiben. Unter Umständen erhöhte sich auch der Drang, den Lockdown-Alltag zu dokumentieren und die Ausnahmesituation mit anderen zu teilen. Obwohl man gerne Einblick nimmt, wie andere ihren Alltag und Situationen mit Kindern meistern, zu viel Preis zu geben kann heikel sein. In Bezug auf Bilder posten sollten daher einige Regeln beachtet werden.  

Einblick in persönliche Momente

Einfach süss, wie das Baby schläft. So lustig, wie das Kleinkind in der Badewanne herumplanscht. Schaut mal, wie unsere Kleine tobt, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Auf sozialen Plattformen sind unzählige Bilder und Videos von Babys, Kleinkinder, Vorschulkinder, Schulkinder zu finden. Eltern freuen sich, wenn die Fotos oder Filmchen von möglichst vielen Leuten gesehen und gelikt werden. Man teilt sich mit und gibt Einblicke in persönliche Momente. 

Das Familienleben öffentlich machen

Natürlich sind Eltern stolz auf ihren Nachwuchs und Kinderfotos wurden stets gerne gezeigt. Heute noch sind Fotoalben hoch im Kurs. Doch soziale Medien verleihen der Thematik eine neue Dimension. Unzählige Mama-Blogs, Daddy-Blogs, Eltern-Blogs, Familien-Blogs und Grosseltern-Blogs zeigen das Leben mit Kindern. Immer mehr geht es darum, wie viel man von sich preisgibt. Steckt hinter dem Phänomen, das Familienleben öffentlich zu machen, wirklich nur Freude an den Kindern oder geht es auch um Zugehörigkeit? Erhofft man sich womöglich, aus dem Familienleben Kapital zu schlagen oder fehlt es einfach an der nötigen Sensibilität?

Auf die Privatsphäre des Kindes achten

Im Zuge dieser Entwicklung entstand der Begriff Sharenting, eine Wortbildung aus share und parenting. Sharenting steht für das Phänomen, wenn Eltern Fotos ihrer Kinder online stellen und teilen. Oft wird dabei die Privatsphäre des Kindes missachtet. Wichtig ist, dass Eltern sich ihrer Verantwortung bewusst sind und stets sorgfältig abwägen, welche Bilder sie posten. Unabhängig wie alt das Kind ist, seine Rechte gilt es zu respektieren. 

Das Recht am eigenen Bild

Viele Bilder sind süss, lustig und harmlos. Und doch: Was sagen die Kinder dazu? Werden sie überhaupt gefragt, bevor ihre Fotos online gestellt werden? Babys und Kleinkinder können noch keine Antwort geben, doch bereits Kindergartenkinder wissen, wenn ihnen ein Foto gefällt oder nicht. Primarschulkinder finden nicht alles lustig, was Eltern gefällt und spätestens Teenager legen lautstark ein Veto ein. Es empfiehlt sich, Kinder ab sechs, sieben Jahren in den Prozess einzubeziehen, ob Fotos einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden oder nicht. Selbstverständlich ist auch die Meinung kleinerer Kinder zu respektieren. 

Wenn Kinder Eltern konfrontieren

Das neue Bewusstsein, dass Kinder punkto Bilder ein Mitspracherecht haben, führt dazu, dass Eltern plötzlich Rechenschaft ablegen müssen. Zunehmend häufiger müssen sie ihren eigenen Kindern erklären, weshalb sie dieses oder jenes Fotos veröffentlicht haben. Vor allem Jugendliche stören sich an den veröffentlichten Bildern, die sie als Baby oder Kleinkind zeigen. Sie finden es peinlich, dass man sie auf dem Topf sitzen sieht, ihr breiverschmiertes Gesicht amüsant findet, einen Trotzanfall gefilmt hat oder eine Gegebenheit zeigt, die sie unangemessen finden. 

Ein Recht auf Privatsphäre

Dass nicht alle Eltern einsichtig sind, zeigen Fälle wie beispielsweise aus Österreich. Dort hat eine 18-Jährige ihre Eltern angeklagt, weil sie nicht einsehen wollten, dass diese Bilder nicht gezeigt werden sollen. Trotz Gesprächen befand der Vater, dass er die Bilder gemacht habe und deshalb selbst entscheiden könne, was er damit anfangen wolle. Eine falsche Annahme: Jeder Mensch hat das Recht am eigenen Bild und auch die Kinderrechtskonvention sieht in Artikel 16 den Schutz der Privatsphäre vor. 

Sorgfältig abwägen statt vorschnell posten 

Neuerungen bedeuten, dass man mit Entwicklungen und Veränderungen umgehen lernt. Es geht also nicht darum, vorzuschreiben was richtig und was falsch ist. Jede Person soll für sich entscheiden, ob sie auf sozialen Plattformen aktiv sein möchte. Schwieriger wird es, wenn Eltern für Kinder leichtfertig solche Entscheidungen treffen. Dass Kinderfotos leider oft auch missbraucht werden, ist ein Aspekt, den Eltern ebenfalls bedenken sollten. Niemand möchte, dass sich Bilder in Werbungen wiederfinden oder auf Foren von Pädophilen landen. 

Tipps für Eltern

  • Machen Sie es sich zur Gewohnheit, Ihr Kind erst zu fragen, ob es möchte, dass andere Leute dieses Foto sehen. Bereits Vierjährige wissen, wenn ihnen ein Bild gefällt oder nicht. Wichtig ist, dass Kinder frei entscheiden dürfen und ihr Wunsch respektiert wird.
  • Überlegen Sie sich sorgfältig, welche Bilder Sie von Ihren Kindern ins Netz stellen. Fragen Sie sich, wie Ihr Kind das Bild bewertet, wenn es älter ist? Könnte es sein, dass Ihr Kind vielleicht später wegen des Bildes von Schulfreundinnen, Schulfreunden ausgelacht oder gar gemobbt wird? 
  • Posten Sie keine Fotos oder Filmchen, die zeigen wie Ihrem Kind ein Missgeschick passiert, es einen Wutanfall hat oder krank und elend im Bett liegt. Auch Fotos von nackten Kindern sollten nicht gepostet werden.
  • In sozialen Netzwerken sind auch eingegrenzte Gruppen keine Garantie, dass Inhalte nicht weiterverbreitet werden. Denken Sie vor dem Posten stets daran, dass im Internet auch gelöschte Bilder nie ganz verschwinden und Sie die Kontrolle über ein Bild schnell verlieren.