Medien & Internet

Wie nutzen Kleinkinder Bildschirme?

Schon kleine Kinder nutzen gerne Bildschirme. Das ist kein Geheimnis. Doch wie verbreitet sind digitale Medien bei Kleinkindern in der Schweiz wirklich? Und wie wirkt sich das auf ihre Entwicklung aus? Eine neue schweizweite Studie liefert wertvolle Erkenntnisse.
Image
Ein Kleinkind schaut auf den Bildschirm des Handys.
© istockphoto/Kunlathida Petchuen

Wie verhält sich mein Kind im Vergleich zu anderen Kindern seines Alters in der Schweiz hinsichtlich der Bildschirmnutzung? Verbringt mein Kind für sein Alter zu viel Zeit vor dem Bildschirm? Wie gehen andere Eltern mit Bildschirmen um? All diese Fragen werden in der SWIPE-Studie (Swiss Study on Preschool Screen Exposure) der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne beantwortet. Für die Studie wurden 4'200 Schweizer Eltern zur digitalen Mediennutzung ihrer Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren befragt. 

Die Studie liefert wertvolle Hinweise für Familien und Fachleute sowie evidenzbasierte Empfehlungen. Diese können Eltern bei einer gesunden digitalen Erziehung unterstützen.

Dauer, Inhalt und Kontext sind entscheidende Faktoren

Frühere Studien aus anderen Ländern befassen sich mit drei Schlüsselaspekten, um die Auswirkungen von Bildschirmen in der frühen Kindheit zu bestimmen: Dauer, Inhalt und Kontext. Aus wissenschaftlicher Sicht ist bekannt, dass eine übermässige Nutzungsdauer von Bildschirmen einen direkten Einfluss auf die körperliche Gesundheit des Kindes haben kann: Bewegungsmangel, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Probleme, Sehstörungen und Schlafstörungen. 

Bildschirme sind für die Entwicklung des Kindes nicht entscheidend. Schlafen, sich bewegen, spielen, zeichnen und interagieren sind die Aktivitäten, die in der frühen Kindheit Vorrang haben sollten.
Prof. Dr. Nevena Dimitrova, Leiterin der SWIPE-Studie

Für die psychische Gesundheit des Kindes ist der Zusammenhang weniger eindeutig. Bekannt sind folgende Faktoren, die die psychische Entwicklung sowie die emotionalen und psychosozialen Fähigkeiten der Kinder beeinflussen und die Auswirkungen der Bildschirmnutzung je nachdem verstärken oder abschwächen können:  

  • Eine übermässige Bildschirmzeit,
  • die Bildschirmnutzung durch die Eltern,
  • die Inhalte,
  • die Beweggründe der Eltern, ihrem Kind einen Bildschirm anzubieten,
  • das gemeinsame Fernsehen  
  • und die Nutzungszeiten. 

Anhand dieser Faktoren wollte die SWIPE-Studie herausfinden, wie es um die Bildschirmnutzung von Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren in der Schweiz steht.

Online-Veranstaltung «Digitale Medien im Vorschul- und Kindergartenalter»

Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie eine altersgerechte Nutzung digitaler Medien im Vorschul- und Kindergartenalter aussehen könnte? An unserer kostenlosen Online-Elternveranstaltung erhalten Sie einen Überblick über aktuelle Empfehlungen sowie Informationen zu Chancen und Risiken.

Jetzt kostenlos anmelden

Erkenntnisse der SWIPE-Studie: So nutzen Kleinkinder digitale Medien

55 Prozent der Nutzungsdauer digitaler Medien entfallen auf Audioinhalte

Mehr als die Hälfte der Kinder verbringt ihre Zeit mit digitalen Medien mit Aktivitäten, die nicht direkt mit einem Bildschirm verbunden sind, wie beispielsweise dem Anhören von Geschichten und Liedern. Die Ergebnisse sind insofern beruhigend, als das Anhören von Geschichten oder Musik Aktivitäten sind, die die Entwicklung des Kindes fördern.  

«Unsere Studie zeigt auch, dass mit zunehmendem Alter immer weniger Kinder bildschirmfreie Medien nutzen», erklärt Prof. Dr. Nevena Dimitrova, Leiterin der SWIPE-Studie und Professorin an der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne (HETSL).

  • Für Kinder unter 3 Jahren in der Schweiz sind die wichtigsten digitalen Aktivitäten das Hören von Musik oder Radio, Videoanrufe und das Ansehen von Heimvideos.
  • Für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren sind die beliebtesten digitalen Aktivitäten das Ansehen von Kurzfilmen, das Hören von Musik, Videoanrufe und das Anhören von Hörgeschichten.   

Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren verbringen täglich etwa 20 Minuten vor einem Bildschirm

Die Studie konzentrierte sich auf die Bildschirmzeit und ermittelte, wie viel Zeit Kinder täglich vor einem digitalen Bildschirm verbringen. Etwa 14 Prozent der Kinder zwischen 0 und 1 Jahr nutzen Bildschirme mehr als 30 Minuten pro Tag, was einer übermässigen Nutzungsdauer entspricht. Für alle Kinder zwischen 0 und 2 Jahren liegt die durchschnittliche Bildschirmzeit bei 20 Minuten pro Tag. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die Empfehlungen der WHO (Weltgesundheitsorganisation), wonach Kinder unter 2 Jahren keine Bildschirme nutzen sollten, von einer grossen Anzahl von Eltern nicht befolgt werden.  

Für diese Zahlen gibt es laut der Studie verschiedene Gründe. Einerseits können die ersten beiden Lebensjahre für Eltern besonders schwierig sein, andererseits kann der Mangel an Kinderbetreuungsmöglichkeiten (nur 37 % der Schweizer Kinder im Vorschulalter besuchen eine Kindertagesstätte (Bundesamt für Statistik, 2022)) dazu führen, dass Eltern auf digitale Medien zurückgreifen, um ihre Kinder zu beschäftigen. Darüber hinaus ist es möglich, dass Eltern von sehr kleinen Kindern weniger über Richtlinien zur Bildschirmzeit und die möglichen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes informiert sind. 

50 Prozent der befragten Eltern legen Wert auf altersgerechte und unterhaltsame Inhalte

Mehr als die Hälfte der Eltern gab an, dass die Inhalte altersgerecht und unterhaltsam sind und die volle Aufmerksamkeit ihres Kindes auf sich ziehen. Die Tatsache, dass die Inhalte auf dem Bildschirm für das Kind attraktiv sind, hat sowohl positive als auch negative Aspekte. Handelt es sich um pädagogische Inhalte, können sich Kinder besser daran erinnern und besser lernen, wenn die Inhalte für sie attraktiv sind. Wenn die Inhalte das Kind hingegen zu sehr fesseln und zu einer Überreizung durch Bilder, Ton und Aktivität neigen, kann dies zu einer gewissen Abhängigkeit und zu Schwierigkeiten führen, das Kind vom Gerät loszulösen. Es kann zu Konflikten mit den Eltern oder Bezugspersonen kommen. 

Erziehung, Ruhe, Hausarbeit und das Beruhigen seines Kindes als Gründe für die Bildschirmzeit

Eltern nennen verschiedene Gründe, warum sie ihren Kindern Bildschirmzeit gewähren. Die wichtigsten sind:

  • Damit das Kind neue Dinge lernt.  
  • Damit die Eltern Zeit für sich haben, Ruhe finden oder Hausarbeiten erledigen können.
  • Um das Kind auf die digitale Zukunft vorzubereiten.
  • Damit sich das Kind beruhigt oder um das Kind in schwierigen Momenten abzulenken, z. B. bei medizinischen Eingriffen, beim Haareschneiden, bei zu langen Wartezeiten, bei Autofahrten oder Flugreisen, wenn Kinder krank oder zu müde sind, um aktiv zu spielen.
  • Um mit der Familie zu kommunizieren oder in Kontakt zu bleiben (Fotos, Videos, Nachrichten oder WhatsApp).

Der Kontext – wie familiäre Beziehungen und der sozioökonomische Status – ist laut der Studie ein relevante Parameter. Sie beeinflussen die Bildschirmnutzung und -exposition von Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren. Die Studie zeigt, dass Eltern Bildschirmmedien besonders gerne in Übergangsphasen einsetzen, beispielsweise während einer Autofahrt oder beim Zubereiten des Abendessens – Zeiten, in denen Eltern froh um etwas Entlastung sind. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bildschirme für Eltern eine doppelte Funktion haben. Sie sind ein pädagogisches Instrument, aber auch ein Mittel, um sich selbst eine Verschnaufpause zu ermöglichen. Werden digitale Medien sehr oft als Bewältigungsmechanismus eingesetzt, kann das zu einer Abhängigkeit von der Bildschirmnutzung führen. Dies könnte wiederum kleine Kinder daran hindern, zu lernen, ihre Emotionen selbst zu regulieren.

17 Prozent der Kinder schauen alleine fern

Neben dem familiären Umfeld befasst sich die Studie auch mit dem Beziehungskontext während der Bildschirmnutzung. Zwar nutzen 17 Prozent der Kinder Bildschirme alleine, doch zeigen die Ergebnisse auch, dass sie in allen Altersgruppen in der Regel von einem Elternteil (83,7 %), einem Geschwisterkind (27,1 %) oder einer anderen Person (meistens einem Grosselternteil, 5,8 %) begleitet werden. Ein Grossteil der Eltern, die gemeinsam mit ihrem Kind fernsehen, interagiert aktiv mit dem Kind über das, was sie auf dem Bildschirm sehen. Die Studie betont, dass dieses gemeinsame Fernsehen wichtig ist, da Kinder, die aktiv mit einer anderen Person fernsehen, in der Regel von der sozialen Interaktion und den daraus resultierenden Gesprächen profitieren. Das kann die negativen Auswirkungen passiver Bildschirmzeit auf bestimmte Aspekte der kindlichen Entwicklung abmildern. 

Während der Mahlzeiten werden in der Regel keine Bildschirme verwendet

Bildschirme werden bei Kleinkindern während der Mahlzeiten nicht verwendet. Nur eine Minderheit der Teilnehmer gab an, Bildschirme während der Mahlzeiten zu verwenden. Das ist positiv, da Mahlzeiten wertvolle Gelegenheiten für die Interaktion zwischen Eltern und Kindern und den Erwerb gesunder Ernährungsgewohnheiten sind. Bildschirme werden in der Regel vor allem nachmittags und etwas weniger morgens genutzt. Ein alarmierendes Ergebnis der Studie ist, dass 22 Prozent der Kinder vor dem Schlafengehen einen Bildschirm nutzen, was das Einschlafen und den Schlaf erheblich verzögern, die Schlafqualität verringern und die kognitive Wachheit am Abend erhöhen kann.

Methodik und Grenzen der Studie

Die in diesem Artikel vorgestellten Daten stammen ausschliesslich aus einem Hauptfragebogen, den 4173 Eltern ausgefüllt haben. In der Stichprobe waren 48 Prozent Mädchen und 52 Prozent Jungen vertreten, das durchschnittliche Alter betrug drei Jahre. Diese Studie, die in der ganzen Schweiz in Zusammenarbeit mit acht Schweizer Hochschulen durchgeführt wurde, stützte sich auf Selbstauskünfte zur Bildschirmzeit und nicht auf objektive Messungen wie passive Erfassungsanwendungen oder Zeitprotokolle. Darüber hinaus waren 83 Prozent der Befragten Frauen, was auf eine erhebliche Überrepräsentation von Müttern hindeutet. Die Autoren der Studie räumen ein, dass solche Ungleichheiten die Ergebnisse beeinflussen könnten. Zukünftige Forschungen sollten darauf abzielen, diese Ergebnisse mit objektiveren Bewertungsinstrumenten zu reproduzieren.

Zur Studie

Tipps für Eltern

  • Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) wird empfohlen, dass Kinder zwischen 0 und 2 Jahren keine Bildschirme nutzen sollten.  
  • Empfehlungen zur Bildschirmzeit für Kinder ab zwei Jahren finden Sie in diesem Artikel: Bildschirmzeit: Empfehlungen für Kinder und Jugendliche.
  • Wählen Sie Inhalte, die dem Alter Ihres Kindes entsprechen. Nach Möglichkeit sollten Kinder bei der Mediennutzung von Erwachsenen begleitet werden.
  • Für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung braucht ein Kind Bewegung, Schlaf, Spiel, Malen, Lesen, Singen und den Umgang mit anderen Kindern oder Bezugspersonen. Geben Sie diesen Momenten den Vorzug.
  • Achten Sie als Elternteil auf Ihren eigenen Bildschirmkonsum. Tipps für Eltern, wenn sie in Anwesenheit von kleinen Kindern Bildschirme verwenden müssen, finden Sie in diesem Text: Eltern am Smartphone: Was bedeutet das für die Kinder?
Jetzt spenden