Wie viel Handy ist zu viel? Anzeichen einer Sucht erkennen
Gemäss der JAMES-Studie aus dem Jahr 2024 nutzen praktisch alle Jugendlichen in der Schweiz das Smartphone täglich. Im Schnitt sind sie drei Stunden pro Tag unter der Woche und vier Stunden pro Tag am Wochenende online am Handy. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
- Es gehört zur Entwicklungsaufgabe, Kontakte zu pflegen, neue Kontakte aufbauen und sich nach aussen in die Welt zu orientieren. Das Handy bietet hierfür viele Kommunikationsmöglichkeiten – allen voran die sozialen Medien.
- Viele der bei Jugendlichen beliebten Plattformen wie TikTok, Snapchat oder YouTube sind so gestaltet, dass Nutzende möglichst lange auf der Plattform bleiben.
- Jugendliche informieren sich online und weniger über klassische Medien.
- Im Internet gibt es viele Unterhaltungsmöglichkeiten, die schnell, einfach, bequem und kostenlos zur Verfügung stehen.
- Vielen Jugendlichen fehlen Alternativen zur Beschäftigung bei Langeweile.
Wie lange jemand täglich am Smartphone ist, ist jedoch nicht das wichtigste Kriterium für eine Handysucht. Es gibt kein Zeitlimit, das sagt, was normal ist und was nicht mehr. Hilfreich können Empfehlungen zur Bildschirmzeit sein. Denn natürlich steigt das Risiko für ein Suchtverhalten, je länger jemand online ist.
Definition Handysucht
Handysucht oder Onlinesucht ist schwierig zu definieren. Gemeint ist oft eine Abhängigkeit von Social Media, Pornografie, Online-Geldspielsucht und -Kaufsucht oder Gamesucht. Dabei kann man nicht «vom» Internet süchtig sein, sondern lebt ein Suchtverhalten «im» Internet aus. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB) von 2022 sind 22 Prozent der 15- bis 24-Jährigen von problematischer Nutzung von Online-Diensten betroffen. Das sind deutlich mehr als bei den älteren Altersgruppen. Eine problematische Nutzung bedeutet jedoch nicht automatisch eine Handysucht. Die Diagnose Sucht muss zwingend von einer Fachperson gestellt werden.
Mögliche Symptome einer Handysucht
Folgende Anzeichen können darauf hinweisen, dass Jugendliche eine problematische Handy-Nutzung haben. Sie können jedoch auch andere Ursachen haben. Daher ist es wichtig, genau hinzuschauen.
- 🎮Ständige gedankliche Beschäftigung mit digitalen Medien: Die Jugendlichen denken ständig ans Gamen, Serien oder TikTok, selbst wenn sie das Handy gerade nicht nutzen.
- ⏱️Negative Auswirkungen, wenn digitale Medien nicht genutzt werden können: Jugendliche sind reizbar, traurig oder haben Ängste, beispielsweise Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn sie das Smartphone nicht nutzen können.
- 📈Digitale Medien müssen immer länger und intensiver genutzt werden, um Glücksgefühle auszulösen: Waren Jugendliche gestern noch mit zehn Likes zufrieden, müssen es heute schon mehr sein.
- 🚫Es gelingt nicht, die Nutzung zu kontrollieren oder zu beenden: Jugendliche scheitern wiederholt beim Versuch, digitale Medien weniger zu nutzen.
- 😔Das Interesse an anderen Aktivitäten geht verloren: Hobbys, Freundschaften oder schulische Verpflichtungen verlieren an Bedeutung.
- 💭Die intensive Nutzung wird trotz negativer Folgen fortgesetzt: Jugendliche spielen oder scrollen weiter, obwohl ihnen bewusst ist, dass es zu Problemen wie schlechten Noten oder Streit führt.
- 🤥Täuschung über das Ausmass der Nutzung: Gegenüber Familie oder Freund*innen lügen sie bezüglich der mit Spielen oder Scrollen verbrachten Zeit.
- 💔Medien werden zur Flucht oder Regulierung unangenehmer Gefühle genutzt: Digitale Medien helfen, Probleme zu vergessen oder schlechte Gefühle zu verdrängen.
- 🏫Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen oder Chancen: Schule, Freundschaften oder Familie leiden stark unter der Handynutzung.
Wichtig: Wenn sich der Medienkonsum stark negativ auf andere Lebensbereiche Ihres Kindes auswirkt (beispielsweise Schule, Ausbildung, Schlaf, körperliche Gesundheit, Beziehungen), sollten Sie handeln und gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Risikofaktoren für eine Handysucht
Angst, etwas zu verpassen: FOMO
Unter Jugendlichen kann der Druck, nichts zu verpassen, gross sein. Wer nicht informiert ist, könnte ausgeschlossen werden. Diese Angst, etwas zu verpassen, nennt sich «Fear of missing out», kurz FOMO. Jugendliche können sich gezwungen fühlen, ständig online zu sein oder alle paar Minuten ihre Kanäle auf News zu überprüfen. Gleichzeitig können der Erwartungsdruck und das Gefühl, dauernd erreichbar sein zu müssen stark belasten. Verstärkt wird das Phänomen, wenn offline-Alternativen fehlen, es also keinen gemeinsamen Raum oder gemeinsame freie Zeiten mit Peers gibt.
Suche nach Glücksgefühlen
Likes, nette Kommentare, viele Followers oder das Erreichen eines neuen Levels im Spiel sprechen das Belohnungssystem im Hirn an. Sie lösen ein gutes Gefühl aus. Davon möchte man mehr. Auch im Sport, in der Schule oder im Zusammensein mit Peers entstehen solche Glücksgefühle. Je weniger das Belohnungssystem jedoch in der analogen Welt aktiviert wird, desto grösser ist die Gefahr, immer mehr Zeit in digitalen Medien zu verbringen, um die ersehnten Glücksgefühle zu verspüren.
Persönliche Krise
Digitale Medien sind für viele Menschen auch ein Zufluchtsort, wenn es ihnen schlecht geht. Sie flüchten vor Alltagsproblemen in eine Welt, in der sie abgelenkt werden und ihre Sorgen für einen Moment vergessen können. Jugendliche in einer persönlichen Krise sind deshalb besonders gefährdet, eine problematische Handy-Nutzung zu entwickeln. Oft ist eine Handysucht auch gekoppelt mit einer anderen Störung, beispielsweise Depressionen. Ursache und Folge sind dabei schwer auseinanderzuhalten, da sich die Faktoren gegenseitig beeinflussen.
Klare Regeln für die Handynutzung
Je bewusster Bildschirmzeiten und Online-Verhalten gestaltet werden, umso eher lässt sich verhindern, dass der Medienkonsum aus dem Ruder läuft. Dazu gehören auch gemeinsam getragene Regeln für den Umgang mit digitalen Medien. Bei älteren Kindern ist es vielleicht sinnvoller, statt einer Obergrenze für die Handyzeit medienfreie Zeiten und Zonen zu vereinbaren – beispielsweise kein Handy während des Essens und den Hausaufgaben; kein Handy nachts im Zimmer. An diese Regeln soll sich die ganze Familie halten. Sie gelten also auch für die Eltern.
Tipps für Eltern
- Oft greifen wir aus Langeweile zum Smartphone. Üben Sie mit Ihrem Kind das Aushalten von Langeweile und den Umgang mit Frust.
- Seien Sie sich Ihrer Vorbildfunktion auch im Umgang mit digitalen Medien bewusst. Achten Sie auf Ihren eigenen Medienkonsum und hinterfragen Sie Ihr Verhalten von Zeit zu Zeit.
- Sprechen Sie in der Familie über die Nutzung digitaler Medien. Interessieren Sie sich dafür, was Ihr Kind online macht und sieht.
- Vielfältige Interessen und Hobbys helfen bei einer guten Balance zwischen Online- und Offline-Zeit.
- Sprechen Sie mit Ihrem Kind, wenn Sie das Gefühl haben, dass es digitale Medien nutzt, um Probleme zu verdrängen. Unterstützen Sie es bei der Suche nach alternativen Lösungen.