Medien & Internet

Wann wird die Handynutzung zur Sucht?

Ohne Handy gehen wir kaum noch aus dem Haus. Und haben wir das Smartphone mal vergessen, fühlen wir uns von der digitalen Welt ausgeschlossen. Die Angst, online etwas zu verpassen, kann auch bei Jugendlichen zu einer intensiven Handynutzung führen. Nicht verwunderlich, wenn sich Eltern fragen, ob ihr Kind handysüchtig ist. Eine Spurensuche, wann der Umgang mit dem Handy zum Problem werden kann.
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Jugendliche schaut in ihr Handy.

Nicht nur für Jugendliche, auch für viele Erwachsene ist das Smartphone im Alltag unverzichtbar. Das Handy vereint viele praktische Funktionen und verbindet uns mit anderen Personen und der Welt. In all den Apps, Games und Videoplattformen kann man sich leicht verlieren. Man scrollt stundenlang, klickt weiter oder bleibt an lustigen Videos hängen. Eine intensive Handynutzung wird problematisch, wenn andere Lebensbereiche beeinträchtigt sind. Ob und ab wann es sich um eine Sucht handelt, ist jedoch eine komplexe Fragestellung, die sorgfältig angeschaut werden muss.

Immer und überall online

Praktisch alle Jugendlichen in der Schweiz nutzen das Smartphone und sind damit täglich oder mehrmals wöchentlich online (JAMES-Studie 2020). Sie suchen nach Informationen, Unterhaltung oder Ablenkung bei Langeweile, organisieren den Alltag und pflegen Kontakte. Zuweilen dient das Gerät dazu, der Realität zu entfliehen. Laut Erhebungen von Sucht-Schweiz sind ungefähr zehn Prozent der 15- bis 25-Jährigen von einer problematischen Nutzung des Internets betroffen (siehe Box Definition Online-Sucht). Im Vergleich zu den älteren Altersgruppen ist diese Zahl überdurchschnittlich hoch. Eine problematische Nutzung ist jedoch nicht gleich mit einer Suchterkrankung gleichzusetzen.

Angst, etwas zu verpassen

Jugendliche haben vielfach Angst, etwas zu verpassen, wenn sie nicht online sind. Dieses Phänomen nennt sich auch «Fear of missing out», kurz FOMO. Die Vorstellung ausgeschlossen zu sein, löst Stress aus und führt zu einer noch höheren Online-Präsenz. Gleichzeitig belasten der Erwartungsdruck und das Gefühl, dauernd erreichbar sein zu müssen. Meistens empfinden das Mädchen stärker als Jungen.

Die Vorstellung ausgeschlossen zu sein, löst Stress aus und führt zu einer noch höheren Online-Präsenz.

Offline Zeiten einplanen

Weil das Smartphone zu einem zentralen Bestandteil im täglichen Leben geworden ist, fällt es oft schwer, das Gerät wegzulegen oder eine Zeitlang auszuschalten. Selbst wenn sich das Gefühl breitmacht, dass man zu oft online ist. Umso wichtiger, dass Eltern darauf achten, bildschirmfreie Zeiten einzuführen oder bildschirmfreie Zonen zu schaffen, die für alle in der Familie gelten. Gemeinsam kann immer wieder nach Alternativen zu Bildschirmaktivitäten gesucht werden.

Bildschirmzeiten bewusst gestalten

Je bewusster Bildschirmzeiten und Online-Verhalten gestaltet werden, umso eher lässt sich verhindern, dass der Medienkonsum aus dem Ruder läuft. Doch Alternativen einzuüben und neue Dinge auszuprobieren kann anstrengend und schwierig sein. Für diesen Prozess brauchen Kinder und Jugendliche Vorbilder und eine wohlwollende Begleitung durch Erwachsene. 

So wird der Griff zum Handy erschwert und die Mediennutzung besser gesteuert. Ein paar Tipps zum Ausprobieren:

  • Zugang und Hürden: Alles was in Griffnähe ist, nehmen wir eher in Anspruch. Je weiter weg etwas ist, umso grösser wird die Hürde. 
    Beispiel: Während die Hausaufgaben gemacht werden, bleibt das Handy in einem anderen Raum. Um das Gerät zu entsperren, wird bewusst ein langes Passwort eingerichtet.
  • Pausen und Alternativen: Hilfreich ist auch eine Bildschirmpause einzuschalten und das eigene Verhalten zu überprüfen. Nachhaltig ist diese Pause jedoch nur, wenn die Nutzung entsprechend angepasst wird und alte Muster durchbrochen werden. 
    Beispiel: Eine Armbanduhr oder einen Wecker benutzen, anstatt die Zeit auf dem Handy nachzusehen. Oder das Smartphone zwischendurch eine Zeitlang auf Flugmodus stellen, damit man nicht ständig von herein prasselnden Nachrichten abgelenkt wird.
  • Regeln und Zonen: Gemeinsam Familienregeln definieren, wann und wo welches Gerät genutzt werden darf. 
    Beispiel: Handyfreie Zeiten und Zonen festlegen, die für Kinder und Erwachsene gelten (Mehr dazu erfahren Sie im Artikel «Regeln und Vereinbarungen im Umgang mit digitalen Medien»). 

Schutzfaktoren für den Alltag

Wie geht jemand mit Druck und Stress um? Gibt es genügend Abwechslung im Alltag? Persönliche Faktoren und das Umfeld spielen eine entscheidende Rolle beim Schutz vor Abhängigkeit. Vielfältige Interessen und Hobbies, die Fähigkeit mit Stress und Langeweile umzugehen und Frustration auszuhalten, sind Schutzmechanismen gegen zu viel Handyzeit. Auch die Vorbildrolle der Eltern wirkt stark und darf nicht unterschätzt werden. 

Handysucht ist keine anerkannte Krankheit

Die Begriffe Handy- oder Onlinesucht umfassen verschiedene Aspekte. Offiziell gibt es keine allgemeingültige Definition. Gemeint wird oft eine Abhängigkeit von Social Media, Pornografie oder Games (Mehr Informationen zu Gamesucht finden Sie in unserem Artikel «Machen Games süchtig?») oder Online-Geldspielsucht und -Kaufsucht. Wissenswert ist, dass nicht das Smartphone oder das Internet eine Sucht auslösen, sondern ermöglichen, Neigungen auszuleben. Man kann also nicht «vom» Internet süchtig sein, sondern lebt ein Suchtverhalten «im» Internet aus. Oft ist eine problematische Nutzung gekoppelt mit einer anderen Störung. Deutlich mehr Personen mit einem problematischen Online-Verhalten sind beispielsweise auch von Depressionen betroffen. Welches die Folge und welches die Ursache ist, ist meist schwierig zu beurteilen. Es scheint, als ob sich beide Faktoren gegenseitig beeinflussen. Eine Diagnose zu «Onlinesucht» muss eine Fachperson (Arzt, oder Ärztin) stellen.

Merkmale und Risikofaktoren

Wie lange jemand täglich am Smartphone ist, ist nicht das wichtigste Kriterium für eine problematische Handynutzung. Es gibt kein Zeitlimit, das besagt was noch normal ist und was nicht (Mehr dazu erfahren Sie im Artikel «Bildschirmzeit sinnvoll einsetzen»). Natürlich steigt das Risiko für ein Suchtverhalten, je länger man online ist. Daneben gibt es aber andere Aspekte, die auf ein problematisches Verhalten hinweisen. Dazu gehören zum Beispiel der Kontrollverlust oder die gedankliche Vereinnahmung. Macht sich ein ungutes Gefühl, Unruhe oder Nervosität bemerkbar, wenn das Gerät nicht genutzt werden kann, sind das Anzeichen, die hellhörig machen sollten. Ein weiterer Hinweis ist, wenn der User oder die Userin immer mehr Zeit am Bildschirm braucht, bis sich das ersehnte «Wohlgefühl» einstellt.

Suchtpotenzial von Games und Social Media

Im Internet gibt es Aktivitäten die riskanter und solche die unproblematischer sind. Zu den unproblematischen gehören Zeitung lesen oder einen Film schauen. Problematischer sind Games und soziale Medien, wie Instagram oder TikTok. Viele Games und Apps sind so konzipiert, dass Jugendliche möglichst viel Zeit damit verbringen möchten. Wichtig also, dass Eltern sich bewusst sind, dass gewisse Anwendungen absichtlich so gestaltet werden, dass das Suchtpotenzial steigt. Beispielsweise läuft das Onlinespiel weiter, obwohl man nicht aktiv teilnimmt, oder der Feed bei TikTok wird ständig mit neuen Inhalten geladen. 

Das Belohnungssystem braucht Glücksgefühle

Bei der Entwicklung eines problematischen Online-Verhaltens spielt die Belohnung eine zentrale Rolle. Likes, nette Kommentare, viele Followerinnen und Follower oder das Erreichen eines neuen Levels im Spiel sprechen das Belohnungssystem im Hirn an und lösen ein gutes Gefühl aus. Wird dieses gute Gefühl wiederholt durch solche Aktivitäten aktiviert, tritt ein «Lerneffekt» ein. Das Gehirn gewöhnt sich daran, braucht für den gleichen Effekt aber immer mehr. Lösten gestern noch zehn Likes ein Glücksgefühl aus, müssen es heute mehr sein. 

Auswirkungen auf das Verhalten

Eine intensive Mediennutzung kann sich auf die Psyche auswirken und auch soziale oder körperliche Aspekte beeinträchtigen. Persönlicher Rückzug, Schlafstörungen, Müdigkeit, Essstörungen oder schlechte Noten können auf ein problematisches Online-Verhalten hinweisen, aber auch eine andere Ursache haben. Darum sollte genau hingeschaut und gegebenenfalls Hilfe geholt werden.

Tipps für Eltern

  • Schauen Sie genau hin, wenn der Medienkonsum Ihres Kindes andere Lebensbereiche einschränkt.
  • Sorgen Sie für ein abwechslungsreiches Umfeld. Spannende Alternativen zum Online sein tragen dazu bei, dass sich Ihr Kind weniger vom Smartphone abhängig fühlt.
  • Seien Sie sich Ihrer Vorbildfunktion auch im Umgang mit digitalen Medien bewusst. Achten Sie auf Ihren eigenen Medienkonsum und hinterfragen Sie Ihr Verhalten von Zeit zu Zeit.
  • Nutzen Sie das Interesse Ihres Kindes an der digitalen Welt für Gespräche über den Umgang mit Medien.
  • Schaffen Sie bewusst auch offline Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern. Pflegen Sie den familiären Zusammenhalt unabhängig vom Handy.