«Elterliches Burnout bedeutet Stress für die ganze Familie.»
Bedeutet ein Elternteil mit Burn-out, dass es dem Kind schlecht geht?
Eltern haben einen grossen Einfluss auf ihre Kinder, daher wird sich ihr Gesundheitszustand auch auf sie auswirken. Elterliches Burnout bedeutet Stress für die ganze Familie und ist einer der Gründe, warum es dem Kind möglicherweise nicht gut geht. Das Kind wird sich nicht mit Aussagen im Sinne von "Mir geht es schlecht, weil einer meiner Elternteile Burnout hat" beschweren. Hingegen können verschiedene körperliche oder psychische Beschwerden in einem solchen Stresskontext beobachtet werden.
Welche Symptome können wir bei Kindern feststellen?
In der DISA (interdisziplinäre Abteilung für die Gesundheit von Jugendlichen am CHUV, Lausanne) behandeln wir Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren. Die Adoleszenz ist für die Jugendlichen bereits eine Zeit des physiologischen Stresses. Wenn dann noch der berufliche Stress des Elternteils oder dessen teilweise oder vollständige psychische Abwesenheit aufgrund des Burn-outs dazukommt, kann der oder die Jugendliche auf unterschiedliche Weise reagieren. Entweder übernimmt er/sie die Rolle des Elternteils und trägt die mentale Last, die Dinge zu Hause am Laufen zu halten, oder er/sie äussert den eigenen Stress durch körperliche oder psychische Symptome, die mit dem Übermass an Stress der Gesamtsituation zusammenhängen. Es gibt Fälle, in denen Jugendliche depressiv werden, ihre schulischen Leistungen nachlassen, sie nicht mehr zur Schule gehen, Vermeidungssymptome wie Suchtverhalten entwickeln, mit dem Sport aufhören, die Motivation für Hobbies verlieren oder sich gar selbst in Gefahr bringen. All diese Symptome müssen in ihrem Entstehungskontext verstanden werden. Bei einem elterlichen Burnout ist es wichtig, die Auswirkungen des Zustands des betroffenen Elternteils auf den oder die Jugendlichen zu verstehen.
Bei einem elterlichen Burnout ist es wichtig, die Auswirkungen des Zustands des betroffenen Elternteils auf den oder die Jugendlichen zu verstehen.
Ist elterliches Burnout etwas Neues?
Vor 15 Jahren war Burnout bei Eltern in unserer Klinik noch kein Thema. Derzeit kommen viele Eltern mit ihren Teenagern in die Beratung und erzählen, dass sie selbst krankgeschrieben sind. Wir haben es hier mit einem grösseren gesellschaftlichen Phänomen zu tun, nämlich der Zunahme von Stress im Zusammenhang mit der Allgegenwärtigkeit digitaler Medien, einem gesteigerten Arbeitsrhythmus und höheren Erwartungen an unsere Produktivität und Effizienz. Und diese Spirale beschleunigt sich. Bei den Eltern kommt noch die psychische Belastung hinzu, in diesem anspruchsvollen gesellschaftlichen Kontext Kinder grosszuziehen. Die Erwartungen an die Eltern sind ebenfalls sehr hoch, was den Druck und den Stress, der auf ihnen lastet, noch weiter erhöht. Jeder zusätzliche Stressfaktor wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, ein Problem mit einem Kind oder eine persönliche Krankheit führt zu zusätzlichem Stress, der eine bereits prekäre Balance zum Kippen bringen kann. In diesem Kontext kommt es häufig zum Gefühl, überlastet und unter Wasser zu sein. Die Eltern tragen viel und haben nicht mehr die Ressourcen, um den Bedürfnissen ihres Kindes nach Zeit und Verfügbarkeit, die beide für die Entwicklung wichtig sind, gerecht zu werden.
Wie wirkt sich ein Burnout auf die Beziehung zum Kind aus?
Eine chronische Überlastung der Eltern hat Folgen für ihre Zeit und Verfügbarkeit für ihre Kinder. Das kann sich beispielsweise in einer fehlenden Begleitung für das Kind äussern. Die erzieherische Begleitung ist die Grundlage für Kinder von 0-18 Jahren. Damit Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen können, brauchen sie einen unterstützenden, klaren und wohlwollenden Rahmen. Das bedeutet für Eltern, präsent zu sein und die Erziehung bestimmt und mit Wohlwollen umzusetzen, dabei aber autoritäre Züge zu vermeiden. Die Adoleszenz bedeutet Stress und eine turbulente Zeit für die ganze Familie. Bei der Entwicklung der eigenen Identität orientieren sich Jugendliche unter anderem an erwachsenen Personen, die Vorbilder sind. Manchmal sind Erwachsene aber keine Vorbilder. Ein erschöpfter Elternteil hat nicht immer die Ressourcen, um diese Vorbildrolle zu leben. Angesichts von Erschöpfung und Stress kann der Erwachsene auch kompensatorische Verhaltensweisen entwickeln, wie z. B. einen übermässigen Alkohol- oder Bildschirmkonsum. Der erschöpfte Elternteil kann nicht mehr in die Beziehung zu seinem Kind investieren, manchmal kann sich diese Erschöpfung gar in körperliche oder verbale Gewalt umwandeln.
Ein Vater oder eine Mutter mit elterlichem Burnout lehnt die Beziehung zu seinem/ihrem Kind manchmal ab oder lässt sich nicht mehr darauf. Was kann man tun, um die Bindung wiederherzustellen?
Zunächst muss sich der erschöpfte Elternteil wieder in Einklang mit sich selbst bringen, bevor er die Verbindung zu seinen Kindern wiederherstellen kann. Dafür ist es bereits sehr wichtig, die Erschöpfung zu erkennen, damit man sich Hilfe suchen kann. Es gilt, sich von Schuldzuweisungen zu lösen und gleichzeitig seine Verantwortung als erwachsene Person wahrzunehmen, sich um das Wohl der eigenen Kinder zu kümmern. Der erschöpfte Elternteil kann sich dafür auch an eine Ärztin, einen Psychologen oder eine andere Hilfsperson wenden. Anschliessend kann der Elternteil dem Jugendlichen die Situation erklären. Über alles wird man je nach Ursachen und Gesundheitszustand nicht sprechen können. Man kann jedoch sagen: "Mama oder Papa macht gerade eine schwere Zeit durch. Ich merke, dass ich in diesen Zeiten nicht für dich da bin. Mir geht es nicht gut, aber ich habe um Hilfe gebeten und werde Unterstützung erhalten". Dies verhindert, dass das Kind sich unwohl fühlt, Schuldgefühle entwickelt und sich parentifiziert, um die schwierige Situation zu bewältigen. Es ist wichtig, dem Alter des Kindes angepasste Worte zu finden. Endlich wieder Qualitätszeit haben, kleine Momente, in denen man als Elternteil wirklich präsent ist: gemeinsam Sport treiben, ins Kino gehen, ein Spiel spielen, sogar mit dem Teenager Auto fahren, ein Moment, in dem man Präsenz zeigen kann.
Kann die Vorbildrolle auch delegiert werden?
Ja, das ist wichtig. Andere Erwachsene im Umfeld können das vorübergehende oder dauerhafte Fehlen eines Vorbilds ausgleichen und für das Kind da sein, z. B. der Götti oder das Gotti des Kindes, die Grosseltern, ein bester Freund oder eine beste Freundin, ein Arzt oder eine Ärztin, eine andere gesundheitliche Fachperson, ein Lehrer oder eine Lehrerin. In diesem Fall sieht man es nicht als elterliches Versagen an, sondern findet einen anderen Weg, sich um den eigenen Teenager zu kümmern, indem man die Betreuung delegiert.
Als Elternteil zeugt es auch von Stärke, sich seine Schwächen einzugestehen. Eltern kontaktieren beispielsweise den Jugendschutz, um Hilfe zu erhalten, und bekennen, dass sie es aktuell nicht schaffen. Dies ist ein Zeichen von Demut, welches das Kind oder den oder die Jugendlichen schützt.
Wie kann man die heutzutage hohen Anforderungen an die Elternschaft überwinden?
Den perfekten Elternteil gibt es nicht, und das ist auch gut so, denn das macht uns menschlich. Stattdessen ist es besser, von Mindestanforderungen an die elterliche Pflicht sprechen. Wenn diese Anforderungen nicht erfüllt werden können, identifiziert der verantwortliche Elternteil den fehlenden Nährboden und wie er ihn wieder herstellen kann. In Momenten der Schwäche können Eltern sich auch an ihre Angehörigen oder an bestehende Strukturen wie die DGEJ im Kanton Waadt (Direktion für Kinder und Jugendliche) wenden, um Unterstützung und Hilfe für den Weg aus der Erschöpfung zu erhalten
Die heutige Leistungsgesellschaft treibt die Eltern zu einer Reizüberflutung bei der Erziehung unserer Kinder: Sie müssen Englischkurse, Kurse in musikalischer Frühförderung usw. absolvieren, wobei der Eindruck entsteht, dass wir permanent etwas in Anspruch nehmen müssen, um unsere Kinder gut zu erziehen, und dass sie ständig etwas leisten müssen. Eltern stehen rund um die Uhr unter diesem Leistungsdruck, "gute Eltern» sein zu müssen. Kinder und Jugendliche brauchen jedoch vor allem Stimulierungen und Anregungen auf Beziehungsebene: dem Nährboden der Familie Sorge tragen, das Zusammenleben, Gefühle teilen, Geschichten lesen, im Wald spazieren gehen usw. Auf das Einmaleins der kindlichen Bedürfnisse zurückkommen, trotz aller Turbulenzen mit dem Teenager verbunden bleiben. In unseren Beratungen arbeiten wir daran, die Bindungen innerhalb der Familien wieder zu stärken. Das fängt damit an, dass man über eine Eigenschaft seines Kindes spricht oder einfach eine Stunde pro Woche findet, um etwas gemeinsam zu unternehmen und Freude daran zu haben, dass jeder da ist.
Interdisziplinäre Abteilung für die Gesundheit von Jugendlichen (DISA)
Die DISA besteht aus einem interdisziplinären Team mit 25 Mitarbeitenden. Die Aufgabe der DISA ist es, die Gesundheit von Jugendlichen zu fördern, indem sie ihre ganzheitliche Entwicklung unterstützt, ihre Ressourcen stärkt und die Verschiedenartigkeit der Jugendlichen respektiert. Sie bietet auch spezialisierte Betreuung an, wie z.B. komplexe funktionelle Störungen, Geschlechtervielfalt, Essstörungen, etc. Die Vision von DISA ist ein ganzheitlicher und integrierter Behandlungsansatz, bei dem das Fachwissen zwischen Fachkräften und Familien geteilt wird. Die Betreuung konzentriert sich auf den Jugendlichen oder die Jugendliche und die Familie.