Es ist Zeit für die Elternzeit – zum Vorteil für alle

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Eltern mit Kind. Pro Juventute setzt sich für die Elternzeit ein.
  • Elternzeit hat eine direkte wie indirekte Wirkung auf das Kindswohl: Die Gesundheit von Müttern und Kindern ist im ersten Lebensjahr besser, die Bindungsqualität zwischen Eltern und Kind stärker und das Risiko für psychische Belastungen und Depressionen der Mütter sinkt deutlich.
  • Die Elternzeit wirkt auch langfristig positiv: Die verbesserte Bindungsqualität zwischen Kind und Eltern macht Kinder resilienter, trägt also entscheidend dazu bei, dass sie künftige Herausforderungen und Krisen besser meistern können.
  • Mutter- und Vaterschaftsurlaub sind um die Geburt angesiedelt und haben die Erholung und die Gesundheit der Mutter sowie die Unterstützung der Familie durch den Vater zum Ziel. Die Elternzeit dagegen entlastet die Familie in der vulnerablen Phase der Familiengründung und leistet einen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
  • Die Elternzeit hat nicht nur einen positiven Einfluss auf der individuellen Ebene, also für einzelne Familien. Sie hat auch positive Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Arbeitsmarktproduktivität, denn sie trägt wesentlich zu einer höheren Erwerbsquote von Müttern bei. Bereits eine minimale Steigerung der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen macht die staatlichen Mehrausgaben für die Elternzeit wett.
  • Pro Juventute setzt sich aus den genannten Gründen für die Einführung einer eigenständigen Elternzeit ein, die über den heute bekannten Mutter- und Vaterschaftsurlaub hinausgeht. Sie trägt ganz wesentlich zum Kindswohl bei und ist dank besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch wirtschaftlich tragbar.

In Europa verzichtet kein Land auf eine bezahlte Elternzeit. Aus gutem Grund: Die wissenschaftliche Evidenz für die positiven Auswirkungen der Elternzeit ist mittlerweile weitestgehend unbestritten1. Die einzige Ausnahme in Europa: Die Schweiz. In einer Studie der UNICEF belegt die Schweiz bei der Familienfreundlichkeit, was die gesetzlichen Rahmenbedingungen angeht, unter den 41 reichsten Ländern der Welt den letzten Platz2.

Dabei hat die bezahlte Elternzeit sowohl auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene positive Effekte. Sie ist förderlich für die psychische und physische Gesundheit sowohl der Mutter wie des Kindes. Insbesondere bei Kindern aus sozial und ökonomisch weniger privilegierten Familien beobachtet die Wissenschaft einen starken positiven Zusammenhang. Die Gesellschaft profitiert in mehrerlei Hinsicht von einer nachweislich höheren Müttererwerbsquote, sei dies durch grössere Steuereinnahmen oder wirtschaftlich bei der Bekämpfung von Fachkräftemangel.

Elternzeit fördert das Wohl des Kindes

Pro Juventute stellt bei der Ausgestaltung der Elternzeit das Wohl des Kindes in den Fokus. Sie darf kein Familienmodell bevorzugen oder benachteiligen, sondern unterstützt in erster Linie eine gesunde Entwicklung der Kinder in familiärer Geborgenheit. Die Forschung aus unseren Nachbarländern zeigt das Potential: Die Elternzeit verringert die psychischen Belastungen und Depressionen bei Müttern und stärkt die Bindung zwischen den Eltern und dem Kind. Beides trägt zu einer verbesserten Resilienz der Kinder bei, fördert also deren Fähigkeit, künftige Herausforderungen gesund zu meistern.

Aber auch auf die physische Gesundheit der Kinder wirkt sich die Elternzeit positiv aus, etwa dank der Möglichkeit zur längeren Stillzeit3. Damit die Elternzeit auch der Vater-Kind-Bindung zuträglich ist, müssen Väter einen genügend grossen Teil der Elternzeit beziehen. Es ist deshalb wichtig, einen festen Anteil der Elternzeit verbindlich für die Väter zu reservieren.

Elternzeit ist kein Ersatz für Mutter- oder Vaterschaftsurlaub

Die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und der zweiwöchige Vaterschaftsurlaub werden durch die Elternzeit nicht in Frage gestellt. Sie verfolgen andere Ziele. Der Mutterschaftsurlaub dient primär der Erholung und dem Schutz der Gesundheit der Mutter, der Vaterschaftsurlaub soll den Vätern ermöglichen, die Familie in den ersten Tagen nach der Geburt zu unterstützen, was sich insbesondere auf die Gesundheit der Mutter positiv auswirkt4. Diese Zeit ist zu kurz, damit die Eltern sich in neue Familienrollen hineinleben können. Aus der Forschung wissen wir, dass die positiven Effekte einer Elternzeit erst rund 28 Wochen nach der Geburt eintreten.

Die Elternzeit hat die Gesunderhaltung der Familie als System zum Ziel. Sie entlastet die Eltern in der vulnerablen Phase der Familiengründung und verbessert die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Verlust der Zeitautonomie und die Anforderungen eines Neugeborenen bringen die Eltern an Belastungsgrenzen. Die Elternzeit gibt jungen Vätern und Müttern die Möglichkeiten, sich in neuen Rollen zu finden und die bezahlte und unbezahlte Arbeit egalitärer aufzuteilen. Die Elternzeit schafft damit auch die Voraussetzung, dass Eltern die Verantwortung für die Erziehung der Kinder geteilt wahrnehmen können5. Wie beim Mutter- und Vaterschaftsurlaub ist auch bei der Elternzeit ein Lohnersatz von 80 % anzustreben, im Einklang mit den geltenden Regeln anderer Sozialversicherungen.

Von guten Rahmenbedingungen für Familien profitieren alle

Nicht nur junge Familien profitieren von der Elternzeit. Auch ökonomisch und gesellschaftlich besteht ein grosses Interesse daran, Rahmenbedingungen für junge Eltern zu schaffen, die es erlauben, ausgebildete Fachkräfte in der Erwerbsarbeit zu halten. So wirkt sich eine bezahlte Elternzeit nachweislich positiv auf die Wiederaufnahme der Erwerbsarbeit der Mütter nach der Geburt aus. Auf betrieblicher Ebene profitieren Unternehmen von verbesserter Produktivität, höherem Umsatz und gesteigerter Arbeitsplatzmoral. Insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen relevant ist die Erkenntnis, dass eine Elternzeit einen positiven Einfluss auf die Fluktuationsraten hat, sprich die individuelle Arbeitsplatztreue fördert.

Erfahrungen aus dem Ausland machen überdies deutlich, dass auch die gesamte volkswirtschaftliche Arbeitsproduktivität mit der Einführung einer Elternzeit steigt. Elternzeit ist also eine Investition, die sich auch ökonomisch auszahlt. So hat die eidgenössische Kommission für Familienfragen (EKFF) ausgerechnet, dass bereits eine Erhöhung der Müttererwerbstätigkeit um lediglich 1% reichen würde, um eine 18- bis 20-wöchige Elternzeit zu finanzieren6.

Kein anderes Land in Europa verzichtet auf diese in vielerlei Hinsicht positiven Auswirkungen einer Elternzeit. Kinder haben grundsätzlich und unabhängig vom Zivilstand und der Lebensform ihrer Eltern ein Recht auf familiäre Geborgenheit. Pro Juventute setzt sich für eine bezahlte Elternzeit ein – weil es dafür Zeit ist.

Positionspapier Elternzeit


1Vgl. die Literaturanalyse im Auftrag der EKFF: Müller, Franziska; Ramsden, Alma (2017): Evidenzbasierte Erkenntnisse zu Wirkungen von Elternzeit sowie Mutterschafts¬ und Vaterschaftsurlaub. Literaturanalyse zuhanden der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF), Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern.
2Yekaterina Chzhen, Anna Gromada, Gwyther Rees (2019): Are the world’s richest countries family-friendly? Policy in the OECD and EU. UNICEF Office of Research: Florence.
3Einer der Hauptgründe für einen frühen Stillabbruch ist die Wiederaufnahme der Erwerbsarbeit.
4Persson, Petra and Maya Rossin-Slater (2019): When Dad can stay home. Fathers’ Workplace Flexibility and Meternal Health. In: National Bureau of Economic Research NBER Working Paper 25902. http://www.nber.org/papers/w25902 
5Eine Elternzeit ermöglicht es auch, die Forderungen aus Art. 18, Abs. 2 der UN-Kinderrechtskonvention besser zu erfüllen.
6Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen EKFF (2018): Elternzeit — weil sie sich lohnt! Wissenschaftlich fundierte Argumente und Empfehlungen.