Handyverbot an Schulen: Ein pauschales Verbot erschwert Prävention und ist kein Ersatz für Medienbildung
Digitalisierung macht auch vor dem Schulhaus nicht Halt. Zweifellos kann der Gebrauch von Handys den Schulalltag negativ beeinflussen und stellt Lehrpersonen sowie Schulleitungen vor Herausforderungen. Gleichzeitig existieren in den meisten Schweizer Schulen seit Jahren stufengerechte Regeln für den Umgang mit digitalen Geräten. Beispielsweise eine eingeschränkte Nutzung während bestimmter Zeitfenster oder an bestimmten Örtlichkeiten. Dennoch mehren sich nun politische Forderungen nach einheitlichen Einschränkungen oder gar generellen Verboten. Aus Sicht von Pro Juventute braucht es keine Pauschallösungen, sondern differenzierte Regelungen, die die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen stärken.
Politisch verordnete Verbote schränken die pädagogische Gestaltungsfreiheit der Schulen ein
Studien über die Auswirkungen eines Handyverbots zeigen ein uneinheitliches Bild, weisen jedoch daraufhin, dass der Erfolg einer solchen Massnahme stark von der Umsetzung und den begleitenden pädagogischen Massnahmen abhängt.1 Diese müssen auf die individuelle Situation und Bedürfnisse der Schulen abgestimmt sein. Differenzierte und partizipative Regeln können beispielweise die soziale Interaktion und eine positive Schulkultur fördern. Jede Schule sollte deshalb die Möglichkeit haben, eigenständig bedarfsgerechte Lösungen zu erarbeiten und kreative sowie lernfördernde Projekte zu entwickeln. Diese Haltung wird auch vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH)2 sowie vom Dachverband der Schweizer Schulleitungen (VSLCH) vertreten3. Die Durchsetzung eines pauschalen Verbots durch Lehrpersonen und Schulleitungen beansprucht zudem erhebliche Ressourcen (z.B. durch eine Pausenaufsicht oder Taschenkontrollen), die den Schulalltag zusätzlich belasten.
Ein pauschales Handyverbot erschwert Medienbildung und Prävention
Ein alleiniges politisch verordnetes Handyverbot, dass Geräte komplett aus dem Schulalltag verbannt, verhindert einen gewinnbringenden Einsatz von Smartphones und die Vermittlung von wichtigen digitalen Kompetenzen, die spätestens im Berufsleben von jungen Menschen erwartet oder sogar vorausgesetzt werden. Ein alleiniges pauschales Verbot kommt auch einem Entzug von Verantwortung gleich. Im Rahmen des Lehrplans 21 haben die Schulen in den Deutschschweizer Kantonen nämlich den Auftrag, die Medienkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler zu fördern. Gerade im schulischen Umfeld besteht die Chance, alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen und den bewussten Umgang mit Handys und Social Media gezielt im Unterricht zu thematisieren. So können Gefahren wie Cybermobbing oder Sextortion über den schulischen Rahmen hinaus wirksam vorgebeugt werden. Dafür braucht es jedoch ausreichend Ressourcen, Knowhow und ein Bekenntnis der Schule, sich dieser Aufgabe anzunehmen.
Partizipative Regeln stärken Kinder und Jugendliche und werden eher eingehalten
Bei der Entwicklung von Regelungen bezüglich der Handynutzung empfiehlt Pro Juventute, das Recht der Kinder zu berücksichtigen, ihre Meinung in Angelegenheiten, die sie betreffen, frei zu äussern. So fühlen sie sich ernst genommen und respektiert, was ihre Entwicklung zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten fördert. Wenn Kinder und Jugendliche bei der Entscheidungsfindung aussenvor bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Verbote umgangen werden. Schülerinnen und Schüler nehmen zum Beispiel ein zweites Gerät mit in die Schule oder benutzen das Gerät heimlich. Dies zeigen etwa Erkenntnisse aus den Niederlanden.4
Auch die Bedürfnisse der Kinder und Jugendliche sind ernst zu nehmen. Viele brauchen ihr Gerät auf dem Weg zur Schule oder unmittelbar vor oder nach dem Unterricht. Zum Beispiel, weil sich darauf die Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr befindet, oder damit sie mit ihren Eltern kommunizieren können. Ein pauschales Verbot ignoriert die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen und erschwert ihnen die selbstbestimmte Organisation ihres Alltags.
Fazit
Die Wirkung eines Handyverbots ist umstritten und hängt massgeblich davon ab, wie es umgesetzt wird und vor allem, welche pädagogischen Massnahmen es begleiten. Klar ist: Ein Verbot allein ersetzt keine Medienbildung. Aus Sicht von Pro Juventute muss die Förderung der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Medien im Vordergrund stehen. Schulen sollen befähigt werden, im Dialog mit Lehrpersonen, Eltern und Kindern passende und altersgerechte Lösungen zu entwickeln.
1To Ban or Not to Ban? A Rapid Review on the Impact of Smartphone Bans in Schools on Social Well-Being and Academic Performance | Universität Augsburg: https://www.mdpi.com/2227-7102/14/8/906
2Smartphone-Regelung an Schulen, 2024 | LCH, Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz: https://www.lch.ch/aktuell/detail/smartphone-regelung-an-schulen-2024
3Handyverbot in Nidwalden: Keine Lösung für Probleme | St. Galler Tagblatt https://www.tagblatt.ch/schweiz/schule-das-haben-wir-doch-laengst-im-griff-warum-das-handyverbot-in-nidwalden-keine-probleme-loest-ld.2767601
4 Ein Jahr Handyverbot an Schulen: Das sind die Erfahrungen der Niederlande |NZZ: https://www.nzz.ch/international/handy-verbot-an-schulen-in-niederlanden-erfahrungen-nach-einem-jahr-ld.1865118