Die Raumplanung muss kinderfreundlicher werden

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Kinder spielen Gummitwist. Pro Juventute setzt sich für eine kinderfreundliche Raumplanung ein.
  • Kinderfreundliche Räume sind kein Privileg, vielmehr ist deren Bereitstellung eine Pflicht, die sich aus der Kinderrechtskonvention ableitet. Gemeinden müssen mehr Freiräume mit Spielqualität zur Verfügung stellen. Diese sind fachgerecht und partizipativ zu erstellen – unter Einbezug der Kinder. Dazu zählen Schulhöfe und -wege genauso wie private Wohnumfelder und Siedlungsränder.
  • Das vorhandene Grundlagenwissen zur Spielraumgestaltung muss Eingang in die Raumplanung finden, auf allen föderalen Ebenen. Dazu braucht es aus nationalen Studien und Modellvorhaben gewonnene Erkenntnis, schweizweite Sensibilisierungskampagnen und Orte für den Wissens- und Erfahrungsaustausch. Pro Juventute fordert die Schaffung der dafür nötigen Ressourcen und Kompetenzen beim Bund.
  • Pro Juventute fordert die Kantone auf, ihre Gemeinden für die Bedeutung von Spielräumen zu sensibilisieren. Kommunalen Behörden fehlt oft das nötige Fachwissen zur Realisierung von kindgerechten Spielräumen. Sie brauchen finanzielle Unterstützung durch den Kanton und praxisnahe Empfehlungen zur Planung, zur Realisierung und zum Unterhalt von kindergerechten Spielräumen.

Damit sich Kinder gesund entwickeln können, brauchen sie Freiraum für selbstständiges Spielen und Entdecken. Sie haben das Recht, sich auszutoben, zu erholen und gemeinsam mit anderen Kindern und ohne Aufsicht von Erwachsenen freie Zeit zu verbringen. Dafür brauchen sie aber auch viel Gelegenheit zum freien Spiel. Entsprechende Freiräume sind heute aber keine Selbstverständlichkeit. Die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für Kinder haben sich in den vergangenen Jahrzenten stark verändert: Mehr Strassenverkehr, verdichtetes Bauen und eine überhöhte Sicherheitskultur sind hier die Stichworte. Aber nicht nur die Freiräume sind weniger geworden, auch die Freizeit der Kinder geht im engen Wochenplan zunehmend verloren: Während sich Kinder und Jugendliche vor 50 Jahren im Schnitt pro Tag über drei Stunden draussen bewegten, sind es heute noch 47 Minuten1. Besonders betroffen sind davon stark übergeförderte Kinder und Kinder, die medienzentriert aufwachsen. Dabei wissen wir aus der Forschung: Kinder, die oft Gelegenheit zum Spielen haben, zeigen stärkere soziale und kognitive Fähigkeiten und sind auch körperlich gesünder. Kinder, die in ihren Spielmöglichkeiten gehemmt aufgewachsen sind, zeigen hingegen häufiger Verhaltensprobleme, ADHS und ein höheres Unfallrisiko aufgrund von Bewegungs- und Koordinationsstörungen.

Kindgerechte Spielräume und eine kindgerechte Spielkultur sind ein Kinderrecht (Art. 31 der UN-Kinderrechtskonvention). Pro Juventute setzt sich für mehr Spielmöglichkeiten für Kinder und ihre Familien ein und setzt sich dafür ein, dass Bedürfnisse und Interessen von Kindern und Jugendlichen in den Prozessen und in den rechtlichen Grundlagen der Raumplanung verbindlich berücksichtigt werden.

Spielräume sind mehr als Spielplätze: vielfältig, zusammenhängend und vernetzt

Kinder spielen vor allem da, wo sie wohnen. Vor allem für jüngere Kinder ist es entscheidend, dass das ganze Wohnumfeld als Spielraum genutzt werden kann. Bei der Planung und Gestaltung werden Räume für Kinderspiel oft einfach auf Spielplätze reduziert. Kindgerechte Spielräume sind aber mehr als Spielplätze. Es sind vielfältige, zusammenhängende und vernetzte Räume im privaten und im halböffentlichen und öffentlichen Raum. Dazu gehören bespielbare Wege, Plätze, Schulhausplätze, Gärten und Siedlungsränder. Jede Gemeinde verfügt über Möglichkeiten, attraktive Spielräume zu schaffen, es gilt sie nur zu nutzen. Heute fokussieren die planungs- und baurechtlichen Vorgaben auf kantonaler und kommunaler Ebene vielfach auf quantitative Bestimmungen zu Spielplätzen. Mit einer solchen Zuweisung des Kinderspiels auf isolierte Spielplätze führt die Umsetzung vielerorts zu unbefriedigenden Lösungen und zu Nutzungskonflikten. Es braucht deshalb einen Perspektivenwechsel in der Raumplanung: Kindgerechte Spielräume sind kein Privileg, sondern ihre Bereitstellung ist eine Pflicht, die es einzufordern gilt. Zentral ist, dass Spielräume fachlich fundiert und partizipativ erstellt werden, auch unter Einbezug der Kinder.

Der Bund muss Wissen schaffen und die Bedeutung von Spielräumen fördern

Mit dem «Raumkonzept Schweiz» steht allen Kantonen, Regionen und Gemeinden eine nationale Orientierungshilfe für die Raumplanung und -gestaltung zur Verfügung. Augenfällig ist, dass im über 100-seitigen Bericht die Begriffe «Spielraum» und «Freiraum» gänzlich fehlen und das Wort «Kind» bloss in einer Bildlegende auftaucht. Dies steht in krasser Diskrepanz zum Wissen über die Bedeutung von Spielräumen für Kinder und zeigt beispielhaft, wie schlecht das Grundlagenwissen über kindgerechte Raumplanung in konkretes Handlungswissen übersetzt ist.

Pro Juventute fordert den Bundesrat deshalb auf, Ressourcen zu Verfügung zu stellen, damit vorhandenes Wissen Eingang findet in die Raumplanung und konkret in die Planung und Gestaltung von Wohnumfeldern. Die Kantone und Gemeinden sind auf praktisches Handlungswissen angewiesen, einerseits aus Studien zu Spielräumen für Kinder im Wohnumfeld, andererseits aus Modellvorhaben. Entsprechende Studien und Modellvorhaben müssen gezielt gefördert werden. Mittels nationaler Kampagnen müssen die Kantone und Gemeinden für die Bedeutung qualitativer Spielräume sensibilisiert werden, Plattformen zur Vernetzung fördern den Wissens- und Erfahrungsaustausch über Good Practice.

Kantone mit Fach- und Methodenkenntnissen unterstützen

Gefordert ist aber nicht nur der Bund. Raumplanung liegt vor allem in der Kompetenz der Kantone. Sie müssen sicherstellen, dass die Bedeutung der Spiel- und Freiräume für Kinder in den kantonalen Richtplänen Rechnung getragen wird. Gleichzeitig müssen sie die Gemeinden für die Bedeutung von Spielräumen sensibilisieren. Gemeinden brauchen finanzielle Unterstützung, damit Wohnumfelder, Naturräume oder Brachflächen im Nahraum von Kindern als Spielräume genutzt und erhalten werden können. Oft fehlen den kommunalen Behörden aber auch inhaltliche und Methodenkenntnisse über die Realisierung kindgerechter Spielräume. Die Kantone sind deshalb aufgefordert, konkrete Empfehlungen zur Planung, zur Realisierung und zum Unterhalt von kindgerechten Spielräumen zur Verfügung zu stellen.

Kinder müssen mehr mitreden und mitgestalten können

Eines der zentralen Anliegen von Pro Juventute ist es, Kindern Freiräume für eigene Erfahrungen zu ermöglichen und dadurch ihre gesunde Entwicklung zu fördern. Kinder erfahren und erleben im Spiel auch die Teilhabe an der Gesellschaft. Diese verbessern wir, indem wir Kinder und Jugendliche an der Gestaltung des öffentlichen Raumes beteiligen, in dem sie aufwachsen. Es wird deshalb Zeit, ihre Bedürfnisse und Interessen in den rechtlichen Grundlagen der Raumplanung zu verankern und sie verbindlich in Raumplanungsprozesse einzubeziehen, und zwar auf allen föderalen Ebenen.

Positionspapier Kinderfreundliche Raumplanung


1Höfflin Peter und Baldo Blinkert (2016): Freiraum für Kinder Ergebnisse einer Umfrage im Rahmen der Freiraumkampagne der Stiftung Pro Juventute. Herausgeberin: Stiftung Pro Juventute, Zürich. Download-Link zur Studie siehe weiter unten.

Studie «Freiräume und Spielverhalten»

Wie lange spielen Kinder in der Schweiz überhaupt draussen? Wovon hängt es ab, ob und wie lange sie Zeit im Freien verbringen? Können sie ihre Freunde selbständig besuchen? Und gibt es Unterschiede zwischen den Sprachregionen, Stadt-Land oder den verschiedenen Bildungsschichten? Zu den Spielmöglichkeiten von Kindern in unserem Land fehlen grundlegende Informationen.

Daher gab Pro Juventute anfangs 2016 die Studie «Freiraume für Kinder in der Schweiz» in Auftrag. Diese wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Baldo Blinkert und Prof. Dr. Peter Höfflin durchgeführt auf Basis einer Internetbefragung von 649 Familien durch GFK Switzerland AG.

Wichtige Erkenntnisse aus dieser Studie 

Die wichtigste Bedingung für freies Spielen, für die Zeit, die Kinder draussen ohne Aufsicht verbringen, ist die Aktionsraumqualität – diese hängt in hohem Masse von den Bedingungen im Wohnumfeld der Familie ab. Die Einschätzungen der Eltern sind von grosser Bedeutung für die Spielmöglichkeiten der Kinder. Je positiver die Eltern das Wohnumfeld einschätzen, desto länger spielen Kinder draussen ohne Aufsicht.

  • Indikatoren für ein gutes, kinderfreundliches Wohnumfeld (Aktionsraumqualität):
    - Gefahrlosigkeit – in dem Sinne, dass Kinder im Prinzip in der Lage sind, Gefahren zu erkennen und damit umzugehen.
    - Zugänglichkeit – in dem Sinne, dass geeignete Spielorte erreichbar sind, in nicht zu grosser Entfernung, nicht abgeschnitten durch unüberwindbare Barrieren oder unzugänglich aufgrund von Verboten.
    - Gestaltbarkeit – in dem Sinne, dass Kinder ein solches Territorium gerne nutzen, dass sie damit etwas anfangen können und sich nicht langweilen; dass es einen hohen Gebrauchswert hat.
    - Interaktionschancen – in dem Sinne, dass Kinder die Gelegenheit haben, mit anderen Kindern etwas zu unternehmen.
  • Im Durchschnitt spielt ein Kind in der Schweiz noch 47 Minuten pro Tag draussen, davon 29 Minuten selbständig und ohne Aufsicht. Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz. In den deutsch-sprachigen Gebieten spielen Kinder im Durchschnitt 32 Minuten ohne Aufsicht draussen, im französisch-sprachigen Bereich dagegen nur rund 20 Minuten.

Download der Studie «Freiraum für Kinder» von Pro Juventute