Beratungen zum Thema Suizid beim 147 von Pro Juventute fast verdoppelt

Zürich, 15. November 2021 – Pro Juventute, die grösste Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche, hat heute ihren zweiten Corona-Report veröffentlicht und eine erste Bilanz zum Jahr 2021 gezogen. Trauriger Rekord: Täglich suchten im 1. Halbjahr 2021 sieben Jugendliche Kontakt zum 147, um über Suizid zu sprechen.

Wissenschaftliche Studien und die Daten aus dem Beratungsalltag von 147.ch sprechen eine deutliche Sprache: Jugendliche und junge Erwachsene sind über alle Altersgruppen betrachtet von den Folgen der Corona-Krise psychisch am meisten belastet. Umfragedaten zeigen, dass das Wohlbefinden im Juni 2021 deutlich tiefer war als im Frühjahr 2020.

Rekordhohe Beratungen zu Suizidgedanken

Die Schweiz verzeichnete bereits vor der Corona-Pandemie eine im internationalen Vergleich sehr hohe Suizidrate unter Jugendlichen. Dies zeigte sich auch bei den Beratungen von 147. Diese waren über viele Jahre auf hohem Niveau stabil. Nun zeigen Daten von 147 erstmals eine Zunahme bei den Beratungen zum Thema Suizid. Im Vergleich zum Vorjahr führte das 147 im laufenden Jahr 40 Prozent mehr Beratungen zum Thema Suizidgedanken durch. Jeden Tag steht 147 mit 700 Kindern und Jugendlichen in Kontakt, pro Tag sind es 7 Kontakte zu Suizidgedanken. 2020 waren es noch fünf pro Tag, vor der Pandemie noch 3-4 Beratungen am Tag. 

Auch die Krisenfälle stiegen. So löste das Beratungsteam von 147 bis Ende September 98 Mal eine Krisenintervention von Polizei oder Sanität aus. Im Jahr 2020 waren es 96 Fälle, im Jahr 2019 noch 57 Fälle. 

Viel am Handy und viele Sorgen um die Zukunft 

Die Nutzung digitaler Medien nimmt in der Pandemie zu. Die Handynutzungszeit von Kindern und Jugendlichen etwa betrug bei der letzten Erhebung unter der Woche im Schnitt 3 Stunden und 47 Minuten, am Wochenende 5 Stunden und 16 Minuten. Mit der sprunghaften Erhöhung der Mediennutzung steigen auch deren Schattenseiten. So gibt fast die Hälfte der Jugendlichen an, schon einmal im Internet sexuell belästigt worden zu sein. 

Kinder und Jugendliche sind auch von Zukunftsangst geplagt. Die Anfragen zur Berufswahl nahmen gegenüber 2020 um 23 Prozent zu. Innerhalb der Anfragen rund um das Thema Beruf, beziehen sich die Anfragen im Jahr 2021 am häufigsten auf «Überforderung und Stress».

Bestehende Strukturen stärken und Resilienz aufbauen

Die jetzt sichtbaren Probleme sind nicht nur eine direkte Folge der Corona-Pandemie, sondern von jahrelangen Versäumnissen im Bereich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Pro Juventute fordert, dass die bekannten und jugendnahen Erstberatungsstellen wie das 147.ch jetzt zusätzlich gestärkt werden. Auch braucht es eine verstärkte Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und mehr Ressourcen für Angebote wie etwa den schulärztlichen Dienst, Schulsozialarbeit und Kinder- und Jugendpsychiatrie. 

Dafür braucht es zusätzliche Ressourcen der öffentlichen Hand. Sparpakete auf Kosten von Angeboten und Programmen für Kinder und Jugendliche sind vor diesem Hintergrund für die nächsten Jahre nicht vertretbar. Besondere Aufmerksamkeit muss auf jene Kinder und Jugendlichen gerichtet werden, die von der Krise und ihren Folgen stark betroffen sind.

Zum Corona-Report und dem politischen Positionspapier von Pro Juventute.