Gewaltfreie Erziehung tritt in Kraft: Anstieg der Meldungen zu familiärer Gewalt bei der Beratung 147 verdeutlicht Handlungsbedarf
Die Aufnahme der gewaltfreien Erziehung ins ZGB ist ein klares Signal: Die Schweiz toleriert keine Gewalt gegen Kinder in der Erziehung. Die Stiftung Pro Juventute begrüsst diesen überfälligen Schritt. Damit respektiert die Schweiz endlich ihre Verpflichtung, den Artikel 19 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes umzusetzen. Die Kantone stehen nun in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich die Eltern und das Kind gemeinsam oder einzeln an geeignete Beratungsstellen wenden können.
Kinder und Jugendliche melden zunehmend Gewalt in der Familie
Die aktuelle Realität bleibt weit hinter dem gesetzlichen Anspruch zurück. Studien zeigen, dass Gewalt in der Erziehung leider weiterhin traurige Realität ist. Im Jahr 2025 ist Gewalt in der Familie ein häufiger Grund, weshalb sich Kinder und Jugendliche an die Beratung 147 von Pro Juventute wenden. Rund 22 Beratungen pro Woche wurden letztes Jahr zu diesem Thema durchgeführt, gegenüber 7 bis 8 pro Woche im Jahr 2021. Dies entspricht einer Verdreifachung in den letzten fünf Jahren. Die zunehmenden Meldungen an Fachstellen, sowie die in Spitälern registrierten Misshandlungsfälle, unterstreichen den Handlungsbedarf. Gleichzeitig ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.
Damit sich dieser gesetzliche Grundsatz nun tatsächlich im Alltag jeder Familie verankert und jedes Kind in der Schweiz konkret schützt, muss die Prävention verstärkt werden. Pro Juventute fordert insbesondere eine nationale Sensibilisierungskampagne sowie den Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsangeboten, die für Eltern und Familien leicht zugänglich und niederschwellig sind. Diese Massnahmen sind unerlässlich, um Eltern über Gewalt in der Erziehung sowie konkrete Alternativen aufzuklären und ihnen zu ermöglichen, rasch Hilfe zu finden, wenn sie sich überfordert fühlen.
„Mit dem gesetzlich festgeschriebenen Prinzip der gewaltfreien Erziehung ist es noch wichtiger, den Eltern echte Unterstützung anzubieten“, erklärt Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute. Für sie ist klar: „Damit gewaltfreie Erziehung gelebt werden kann, müssen Eltern einfachen Zugang zu Informationen sowie zu fachlicher Beratung erhalten.“
Pro Juventute betont: Kinder müssen vor Gewalt geschützt werden – denn Gewalterfahrungen prägen Kinder ein Leben lang. Sie beeinträchtigen die Entwicklung des Kindes und können schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben. Häufig beruht Gewalt in der Erziehung nicht auf der Absicht, dem Kind zu schaden, sondern ist in vielen Fällen Ausdruck einer Überforderung der Bezugspersonen.
Ausbau der Angebote zur Elternunterstützung
Pro Juventute begleitet täglich Familien und berät sie zu Fragen rund um gewaltfreie Erziehung. Sie brauchen Orientierung, verlässliche Informationen und manchmal einfach jemanden, mit dem sie vertraulich sprechen können. Die Elternberatung der Pro Juventute (058 261 61 61 per Telefon, WhatsApp oder E-Mail) ist für Eltern kostenlos und rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche da. Mit ihrem Fachwissen stehen ihnen die Beratenden für jegliche Fragen unterstützend zur Seite. Derzeit erhält die Elternberatung pro Woche fünf Kontaktanfragen zum Thema körperliche Gewalt.
Mit ihren Angeboten leistet Pro Juventute einen wichtigen Beitrag zur schnellen und wirksamen Umsetzung und will die Zusammenarbeit mit ihren Partnern weiter verstärken. Pro Juventute investiert zudem gezielt in die Weiterentwicklung und den Ausbau der Beratungskompetenzen in diesem Bereich, um die Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen und ihnen eine optimale Unterstützung zu bieten. Das Ziel der Stiftung ist es, möglichst breit für eine gewaltfreie Erziehung zu sensibilisieren.