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Kinder und Jugendliche stärken statt ausschliessen: Warum es für den Umgang mit Social Media differenzierte Lösungen braucht

Forderungen nach einem Social-Media-Verbot für Jugendliche werden weltweit, auch in der Schweiz, zunehmend laut. Pro Juventute befürchtet, dass ein Verbot ohne begleitende Massnahmen die zugrunde liegenden Herausforderungen nicht wirksam adressieren würde und deshalb vor allem symbolische Wirkung hätte. Ein alleiniges Social Media Verbot ist weder geeignet, Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten zu schützen, noch sie zu einem gesunden Umgang mit digitalen Medien zu befähigen. Stattdessen braucht es eine konsequente Regulierung der Plattformen im Sinne des Jugendschutzes sowie eine stärkere Förderung der Medienkompetenz.
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Handy Jugendliche

Zahlreiche Länder, darunter Australien, Frankreich, Italien, Österreich und Spanien, haben Gesetze verabschiedet oder planen Vorschriften, die den Zugang zu Social Media für junge Menschen einschränken. Auch in der Schweiz zeigen Umfragen eine breite Unterstützung für stärkere Regulierungen, sogar für ein gesetzliches Verbot unter 16 Jahren.1  Ein pauschales Verbot verkennt jedoch die Lebensrealität junger Menschen und verhindert wichtige Lernprozesse. Stattdessen braucht es konkrete politische Massnahmen, die Kinder und Jugendliche im Umgang mit Social Media stärken und ihre Rechte im digitalen Raum wirksam schützen.

Wie Kinder und Jugendliche Social Media erleben – Chancen und Risiken

Digitale Medien sind längst fester Bestandteil im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie bieten viele Chancen: Sie helfen dabei, sich in der Welt zu orientieren, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und Interesse an neuen Themen zu entwickeln. Gleichzeitig stellen digitale Medien Kinder und Jugendliche vor grosse Herausforderungen. Dies liegt daran, dass Social Media Plattformen kaum reguliert sind. Kinder und Jugendliche stossen deshalb immer wieder auf schädliche Inhalte, werden Opfer von Cyberrmobbing oder sexueller Gewalt. Solche Erfahrungen können ihre psychische Gesundheit stark belasten und die gesunde Entwicklung beeinträchtigen.

Aufgrund dieser ernstzunehmenden Risiken konzentriert sich der öffentliche Diskurs derzeit stark auf die negativen Auswirkungen von Social Media. Untersuchungen konnten jedoch keinen deutlichen Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer von Social Media und psychischer Gesundheit aufzeigen.2 Vielmehr zeigt sich, dass besonders Jugendliche, die bereits unter einer hohen psychischen Belastung leiden, durch die Nutzung von Social Media negativ beeinflusst werden. Unabhängig davon gilt: Kinder und Jugendliche dürfen im digitalen Raum nicht allein gelassen werden – sie brauchen Schutz, Orientierung und Begleitung.

Warum ein pauschales Verbot nicht die Lösung ist

Für Pro Juventute ist klar: Ein absolutes Verbot von Social Media oder Smartphones löst die zugrundeliegenden Herausforderungen nicht. Verbote sind vielmehr eine Ablehnung der Verantwortung, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen und zu begleiten. Sie verdrängen Probleme ins Unsichtbare. Inhalte verschwinden nicht, sondern werden heimlich konsumiert. Ein absolutes Verbot von Social Media schränkt zudem die Autonomie von Kindern und Jugendlichen ein, erschwert die Medienbegleitung durch Bezugspersonen und hindert sie an der digitalen Teilhabe – ein Kinderrecht, das gewahrt werden muss.

Ob ein absolutes Verbot tatsächlich technisch und praktisch umsetzbar ist, ist mehr als fraglich. Die Einführung eines Social Media Verbots für unter 16-Jährige in Australien hat dies deutlich bestätigt.3 Wer Kinder und Jugendliche wirksam schützen will, muss ihnen ermöglichen, digitale Kompetenzen zu entwickeln – nicht nur Risiken vermeiden, sondern Handlungsfähigkeit stärken. Dies erfordert eine grossflächige Investition in die Förderung von Medienkompetenz. Denn nur mit medienpädagogischer Begleitung können Kinder und Jugendliche die notwendigen Fähigkeiten entwickeln, Chancen und Risiken sozialer Medien zu erkennen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Wer ein absolutes Verbot durchsetzen will, bekämpft nicht die Ursachen, sondern behandelt primär Symptome. Ein generelles Social-Media-Verbot kann das Vertrauensverhältnis zu Erwachsenen gefährden, weil Kinder und Jugendliche befürchten, im Problemfall bestraft statt unterstützt zu werden und sich deshalb bei Cybermobbing oder Cybergrooming seltener an Vertrauenspersonen wenden.

Der Druck auf die Plattformen muss steigen, Verantwortung für den Jugendschutz wahrzunehmen

Plattformen verstärken durch ihre Algorithmen riskante Trends und verleihen gefährdenden und nicht jugendgerechten Inhalten erhöhte Sichtbarkeit und Interaktion. Der Fokus darf deshalb nicht nur auf die Nutzenden, sondern muss zwingend auch auf die Anbieterinnen von sozialen Netzwerken gerichtet werden. Es braucht klare Regeln und Vorgaben, die Kinder und Jugendliche schützen und sicherstellen, dass Plattformen Verantwortung für den Jugendmedienschutz übernehmen.

Die Schweiz verfügt mit dem per 2025 in Kraft gesetzten Bundesgesetz über den Jugendschutz in den Bereichen Film und Videospiele (JSFVG)4 zwar über eine erste gesetzliche Grundlage im Bereich Jugendmedienschutz. Eine konsequente und wirksame Umsetzung dieser - primär auf Altersgrenzen bezogenen - Regelungen bei Filmen und Videospielen steht jedoch noch aus. Gleichzeitig bleiben grosse Social Media-Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram in der Schweiz weitgehend unreguliert. 

Nach längerer Verzögerung hat der Bundesrat im Herbst 2025 einen Gesetzesvorschlag zur Regulierung von Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (KomPG) in die Vernehmlassung geschickt. Aus Sicht von Pro Juventute sowie weiterer Kinder- und Jugendorganisationen greift der Entwurf jedoch deutlich zu kurz, um Kinder und Jugendliche im digitalen Raum wirksam zu schützen. Im Vergleich zur EU, die mit dem Digital Services Act ein umfassendes Regelwerk für Online-Plattformen geschaffen hat, droht Kindern und Jugendlichen in der Schweiz ein Schutz zweiter Klasse. Pro Juventute fordert deshalb im parlamentarischen Prozess gezielte Nachbesserungen – insbesondere bei Schutzmechanismen, Transparenzpflichten und Sorgfaltsvorgaben für Plattformbetreiber. Weitere Informationen finden Sie in unserer Medienmitteilung vom 5. Februar 2026.

Echter Jugendschutz erfordert differenzierte Lösungen

Um Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen, sind ganzheitliche und mehrschichtige Ansätze gefragt. Zum einen müssen klare politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Regulierungen – etwa durch eine konsequente Umsetzung von Altersbeschränkungen bei ungeeigneten Inhalten in Filmen und Videospielen oder Transparenzpflichten für Plattformen – sind wichtig, reichen aber nicht aus. Kinder und Jugendliche brauchen altersgerechte Übungsfelder, verlässliche Vorbilder im Alltag und eine Kultur des offenen Dialogs. Eltern, Schulen und ausserschulische Angebote übernehmen dabei eine zentrale Rolle. Vor allem Eltern geben Orientierung, wenn sie altersgerechte Medienregeln aufstellen und eine reflektierte Medienkultur im Familienalltag vorleben. 

Pro Juventute empfiehlt, Kinder und Jugendliche in die Ausarbeitung von Mediennutzungsregeln einzubeziehen, weil sie dadurch lernen, Verantwortung zu übernehmen, ihre Perspektiven ernst genommen werden und die gemeinsam entwickelten Regeln besser akzeptiert werden. Entscheidend ist, dass Kinder und Jugendliche mit belastenden Erfahrungen im Netz nicht allein gelassen werden. Um Bezugspersonen in dieser Verantwortung zu stärken, sind gezielte Massnahmen erforderlich. Beispielsweise Informationsangebote für Eltern, ein Ausbau von niederschwelligen Beratungsangeboten sowie Weiterbildungs- und Austauschmöglichkeiten für Fachpersonen.

Fazit

Pro Juventute setzt sich für klare, nachvollziehbare Regeln zugunsten des Jugendschutzes ein statt pauschaler symbolischer Verbote. Neben politischer Regulierung von Plattformen braucht es Massnahmen, die auf die Förderung von Medienkompetenz, der Begleitung von Kindern und Jugendlichen und der Stärkung ihrer Selbstbestimmung abzielen. Nur so schaffen wir die Voraussetzungen für echten Jugendschutz und ermöglichen Kindern und Jugendlichen, Social Media sicher und verantwortungsvoll zu nutzen. 


1AXA Cybersorgenmonitor 2025 | Sotomo: https://sotomo.ch/site/projekte/axa-cybersorgenmonitor-2025/ 
2There is no evidence that time spent on social media is correlated with adolescent mental health problems: Findings from a meta-analysis | APA: https://psycnet.apa.org/record/2025-31872-001  
3Australiens Jugendliche umgehen Social-Media-Verbot | Tagesschau.de: https://www.tagesschau.de/ausland/ozeanien/australien-social-media-104.html#:~:text=Seit%20November%20gilt%20in%20Australien,aber%3A%20Bisherige%20Kontrollen%20n%C3%BCtzen%20wenig.   
4Jugendschutz in den Bereichen Film und Videospiel | Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV):  https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialpolitische-themen/kinder-und-jugendfragen/jugendschutz/jugendschutz-bei-filmen-und-videospielen.html

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