Positionspapier: Sexualerziehung

27.10.2011

Pro Juventute setzt sich ein für eine altersgerechte Aufklärung mit dem klaren Ziel, dem Kind insgesamt das körperliche und mentale Selbstvertrauen zu geben, sich zu wehren. Dabei sollen Kinder selber entscheiden können, wie viel sie wann wissen wollen.

Ausgangslage: Kinder brauchen Zärtlichkeit und Körpernähe. Doch wo liegt die Grenze zwischen Liebkosung und Missbrauch? Wie kann ein Kind die Handlungen von Erwachsenen und anderen Kindern das einordnen und was muss ein Kind im Kindergartenalter wissen, um sich gegen solchen Missbrauch zu schützen?

Bei der Sexualerziehung muss die Frage gestellt werden, welches Ziel sexuelle Aufklärung verfolgt und inwiefern sie altersgerecht ist. Dies betrifft auch die Frage nach realitätsnahen Bilder bzw. danach, ob es ausreicht, kleinen Kindern zu ihrem Schutz vor sexueller Ausbeutung ein gutes Körpergefühl und Selbstvertrauen zu geben.

Mit ihren Dienstleistungen und ihrem Engagement auf politischer und gesellschaftlicher Ebene setzt sich Pro Juventute für die Förderung und Stärkung von Kindern und Jugendlichen und die Unterstützung und Begleitung von Eltern ein.

Die Pro Juventute Elternbriefe begleiten junge Mütter und Väter im Zusammenleben mit ihrem Kind. Mit den Elternbriefen setzt sich Pro Juventute auch für eine kindgerechte Sexualerziehung ein. Im Kapitel „Wenn Grenzen überschritten werden“ im Elternbrief 27, „Körper und Gefühle“, erhalten Eltern Antworten auf ihre Fragen und Unterstützung zum Thema.

Haltung von Pro Juventute

Das Fachteam von Pro Juventute empfiehlt altersgerechte Aufklärung mit dem klaren Ziel, dem Kind insgesamt das körperliche und mentale Selbstvertrauen zu geben, sich zu wehren.

Kinder entscheiden selbst, wie viel sie wann wissen wollen. Meist wird das Interesse an Fragen zum Körper mit zunehmendem Alter grösser. Die Unterstützung der Erwachsenen kann ganz einfach dabei sein: Die Fragen der Kinder zu beantworten, das Thema bei passender Gelegenheit selbst aufzunehmen und den individuellen unterschiedlichen Wissensstand und die unterschiedlichen Bedürfnisse des Kindes zu respektieren.

Bei der Debatte um den Lehrplan 21 und die verschiedenen Lehrmaterialien zur Sexualerziehung weist Pro Juventute darauf hin, dass eine sexuelle Aufklärung bei Kindern im Kindergartenalter die Ziele zu verfolgen hat, das Körpergefühl der Kinder zu stärken und Prävention von Missbrauch zu erreichen. Aufklärung darf nicht für Verwirrung und Unsicherheit sorgen, weil sie nicht dem körperlichen oder mentalen Entwicklungsstand des Kindes entspricht.

Pro Juventute empfiehlt Eltern in Bezug auf die Sexualerziehung und die Vermittlung der Grenzen der Körperlichkeit zum Schutz vor sexueller Ausbeutung:

  • Thematisieren & Aufklärung ist wichtig: Ein zentraler Schritt zur Prävention sexueller Ausbeutung ist, über Sexualität zu reden, Mädchen und Jungen aufzuklären über ihre Körper und alle damit verbundenen Aspekte. Weiss ein Kind darüber Bescheid und hat es Worte für Berührungen oder Körperteile, kann es Dinge besser einordnen und zu Hause davon erzählen.
  • Vermittlung von Geborgenheit: Kindern, die ihren Körper kennen und lieben, ist es eher möglich, Nein zu sagen, wenn sie auf unangenehme Weise berührt werden. Ein weiterer vorsorglicher Schritt ist deshalb, dem Kind Zärtlichkeit und Geborgenheit mitzugeben, wo immer es sie braucht.
  • Achtsamkeit: Achtsamkeit der Eltern ist ein dritter präventiver Schritt. Seien Sie aufmerksam gegenüber Ihrem Kind. Achten Sie auf abrupte oder lang andauernde Stimmungsveränderungen. Gehen Sie Ängste und Abneigungen nach, auch wenn sich zum Glück meistens eine harmlose Erklärung finden lässt. Es gilt jedoch, eine Grenze zwischen notwendiger Vorsicht und übertriebener, einschränkender Angst zu finden. Kinder müssen auch Aktivitäten alleine, ausser Haus und ohne erwachsene Begleitung unternehmen können.

Empfehlungen von Pro Juventute an Eltern

Das Pro Juventute-Fachteam empfiehlt Eltern, Kindern im Kindergartenalter folgende Punkte auf den Weg zu geben, um sie vor sexueller Ausbeutung zu schützen:

  • Dein Körper gehört dir! Ein Kind weiss ganz genau, wie, wann, von wem und wo es angefasst werden möchten.
  • Bringen Sie dem Kind bei, sich zu Liebkosungen gefühlsmässig äussern zu können
  • Akzeptiere das Nein anderer! Ihr Kind soll nicht nur vor Übergriffen geschützt werden, sondern auch lernen, die Grenzen anderer zu achten. Sie müssen lernen, ein Nein anderer Kinder oder der Eltern zu respektieren, auch wenn es unbequem ist.
  • Deine Gefühle sind wichtig! Bringen Sie dem Kind bei, auf seine innere Stimme zu hören, die ihm sagt, wenn etwas nicht stimmt
  • Es gibt gute und schlechte Geheimnisse. Das Kind muss wissen, dass es unangenehme Geheimnisse einer Vertrauensperson erzählen darf, auch wenn es mit Geschenken, Versprechen oder Drohungen zum Schweigen verpflichtet wurde.

  • Du darfst darüber reden und Hilfe holen. Mit Kindern kann – sachlich und undramatisch – über sexuellen Missbrauch geredet werden, wenn zu Hause offen über Sexualität geredet wird.

  • Du trägst keine Verantwortung. Ihr Kind soll wissen, dass es Menschen gibt, die auch über ein lautes und deutliches Nein hinweghören. Oder die einem eine solche Angst einjagen, dass man sich nicht zu wehren traut. Wenn Erwachsene Grenzen überschreiten, tragen sie alleine die Verantwortung für das, was sie dem Kind antun!

Welche Grundsätze können Eltern in der Erziehung umsetzen zum Schutz ihrer Kinder?

  • Ihr Kind muss wissen, dass es nie ohne Absprache mit einer Betreuungsperson mit anderen mitgehen darf, weder mit unbekannten noch bekannten Personen
  • Treffen Sie klare Abmachungen, mit wem und wie lange Ihr Kind wegbleiben darf
  • Lassen Sie es den Weg zum Kindergarten mit anderen Kindern gehen
  • Begleiten Sie es an einem fremden Ort auf die Toilette oder in der Badeanstalt zur Umkleidekabine

Wir machen uns stark für Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern in der Schweiz

Pro Juventute unterstützt Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern auf dem Weg zu selbst- und sozialverantwortlichen Persönlichkeiten. Mit vielfältigen Angeboten hilft die Stiftung direkt und wirkungsvoll. Sie bietet spannende und gut frequentierte Programme und Dienstleistungen, wie die Pro Juventute Beratung + Hilfe 147 oder die Pro Juventute Elternberatung an. Davon profitieren jährlich über 300‘000 Kinder und Jugendliche und rund 100‘000 Eltern in der Schweiz.

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