Familie & Gesellschaft

Alleinerziehend in der Corona-Krise

Den Familienalltag nach einer Trennung neu zu organisieren, ist nicht einfach. Doch wie gestaltet sich getrennt erziehen in Zeiten von Corona? Yvonne Feri, Geschäftsführerin Schweizerischer Verband alleinerziehender Mütter und Väter, und Oliver Hunziker, Präsident Verein für elterliche Verantwortung, äussern sich zur Situation von getrenntlebenden Paaren.
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Alleinerziehende Mutter bei der Arbeit mit Kind. Herausforderungen im Alltag.

Geht eine Beziehung in die Brüche, ist es für die ganze Familie schwierig. Die Kinder leiden unter der Trennung und die beiden Elternteile müssen sich neu arrangieren. Für alleinerziehende Eltern erschwert die Corona-Krise die Situation zusätzlich. Wie bei Paaren, die gemeinsam erziehen, fiel die Entlastung durch Kita, Schulen oder Grosseltern zu einem grossen Teil weg. Dafür kamen Homeschooling und möglicherweise Homeoffice dazu. Nun hat die Rückkehr in einen veränderten Alltag begonnen, doch die Frage bleibt: Wie organisiere ich Kinderbetreuung und Berufstätigkeit? 

Besuchsrecht trotz Coronavirus

Yvonne Feri ist Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter, SVAMV. Aus ihrer Tätigkeit weiss sie, dass seit der Corona-Krise das Besuchsrecht teilweise eine noch grössere Herausforderung bedeutet. Plötzlich fragen sich Mütter oder Väter, ob sie es verantworten können, das Kind dem anderen Elternteil zu geben. Ob zu recht oder unrecht, sie sind unsicher, ob die Hygienemassnahmen eingehalten werden. «Vor allem, wenn der Kontakt angespannt ist, wiegen solche Ängste schwerer», bemerkt Yvonne Feri. «Im Idealfall trägt die Krise dazu bei, dass der Kontakt besser wird, doch es kann auch sein, dass alles viel schwieriger wird. Das ist sehr individuell». 

Beide Seiten berücksichtigen

Alles hat zwei Seiten: Es gibt nicht nur die Mütter und Väter, die ihre Kinder täglich alleine betreuen, sondern auch diejenigen Eltern, die von den Kindern getrennt leben und sich gerne mehr an der Erziehung beteiligen möchten. Oliver Hunziker ist Präsident des Vereins für elterliche Verantwortung und kennt diese Sorgen und Nöte. «Wir haben vor allem Kontakt mit Eltern, die sich um die Kinder sorgen, sie aber nicht täglich betreuen.» Deshalb stört er sich am Begriff Alleinerziehende und findet Getrennterziehende passender. 

Knackpunkt Kontakte und Besuche

In Gesprächen mit Betroffenen stellt Oliver Hunziker immer wieder fest, dass folgende Themen beschäftigen: Der Kontakt findet nicht statt und die Planung der Besuchstage gestaltet sich schwierig. Besuche werden blockiert oder fallen immer wieder aus. So dreht sich vieles um die Fragen: Was muss ich tun oder was kann ich machen? Der Präsident begrüsst die klaren Weisungen des BAG, Bundesamtes für Gesundheit, und der KOKES, Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz, in Zusammenhang mit Coronoa. Eltern, die nicht mit ihren Kindern unter einem Dach leben sind erleichtert, dass die Corona-Krise kein Grund ist, den Kontakt zu unterbrechen. Eine Meinung, die auch Yvonne Feri teilt.

Das Gefühl, allein zu sein

Weil bei getrenntlebenden Paaren möglicherweise die Unterstützung durch den anderen Elternteil fehlt, müssen viele Eltern die Verantwortung alleine tragen. In der momentanen Situation ist dies noch belastender und die Isolation verstärkt dieses Problem. In Gesprächen spürt Yvonne Feri, wie dankbar die Leute sind, wenn man ihnen einen möglichen Weg zeigt und sie sich nicht alleingelassen fühlen. Ja, die ausserordentliche Lage sei für Alleinerziehende schwierig, doch für den anderen Elternteil sei es ebenso schwierig, ist Oliver Hunziker überzeugt: «Nicht nur in der Corona-Krise auch im normalen Alltag hätte es der alleinerziehende Elternteil einfacher, wenn er oder sie zulassen würde, dass sich der Ex Partner oder die Ex-Partnerin an der Erziehung beteiligen dürfte.» 

Schwierige Situation gemeinsam meistern

Sich gegenseitig zu unterstützen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und falls nötig, Alternativmöglichkeiten zu wählen, wäre für beide Parteien hilfreich. Trotz Richtlinien kann es nämlich sein, dass Treffen wegen des Coronavirus nicht oder nur eingeschränkt möglich sind. Statt physischen Treffen können sich die Kinder beispielsweise via FaceTime mit dem anderen Elternteil austauschen und auf diese Weise in Kontakt bleiben. Obwohl das nicht mit richtigen Besuchen vergleichbar ist, ist es besser als gar nichts. Oliver Hunziker ist überzeugt: «Solange Alternativen möglich sind, geht es nicht darum, den anderen Elternteil fernzuhalten, sondern darum, keine unnötigen Risiken einzugehen. Erst wenn Kontaktversuche unterbunden werden, sind das Indizien, dass es um andere Dinge geht.»

Der Wunsch, die Vergangenheit auszulöschen

Dass es Eltern gibt, die den anderen Elternteil am liebsten aus dem Leben des Kindes verbannen möchten, stellen Yvonne Feri und Oliver Hunziker bei ihren Tätigkeiten fest. In der Beratung besteht die Schwierigkeit darin, einen Mittelweg zu finden, denn idealerweise sollte man beide Seiten anhören. Es geht stets darum, den Kontakt zum Kind herzustellen oder zu erhalten und nicht zu entscheiden, wer Recht oder Unrecht hat. Schwierig wird es, wenn die Konflikte der Erwachsenen auf Kosten des Kindes ausgetragen und Kinder beeinflusst werden. 

Druck, Panik und Zweifel

Wenn sich der ausgeschlossene Elternteil wehrt und bei den Behörden Druck macht, fällt ihm oder ihr manchmal eine unangenehme Rolle zu: Man streitet, macht Lärm, nervt und lässt nicht los. Sind Besuche über ein paar Wochen nicht möglich, geraten manche Eltern in Panik. Denn Kinder entfremden sich schnell, wenn sie die andere Bezugsperson nicht sehen. Hinzu kommen vielleicht auch Zweifel, ob die Erklärung objektiv genug sei, weshalb die Mama oder der Papa nicht da ist und sich nicht um das Kind kümmert. 

Ungleiche Chancen

Ausgelöst durch die Corona-Krise kommen in vielen Fällen finanzielle Probleme hinzu. Bei Alleinerziehenden sind die finanziellen Mittel ohnehin oftmals knapp und möglicherweise die Wohnverhältnisse eng. Dass sich die Kinder nicht gleich frei bewegen können und momentan vieles ungewiss ist, sind laut Yvonne Feri belastende Faktoren. «Auch in Bezug auf Homeschooling schränkten finanzielle Mittel die Chancengerechtigkeit ein. Beispielsweise wenn die Kinder zu Hause keinen Computer hatten und die Schule über keine Laptops zum Ausleihen verfügte. Oder wenn es in der Familie nur einen Computer gab und die Mutter oder der Vater das Gerät zum Arbeiten brauchte, anstatt dass die Kinder den Fernunterricht besuchen konnten», umschreibt die Geschäftsführerin mögliche Szenarien. 

Ängste und finanzielle Sorge

Problematisch wird es auch, wenn ein Elternteil die Arbeit verliert. Oder man sich sorgt, dass der Elternteil, der den Unterhalt bezahlen sollte, wegen der wirtschaftlichen Krise plötzlich ohne Job dastehen könnte. Wenn Anrufe eingehen, versuchen die Verantwortlichen alleinerziehende Mütter und Väter zu beraten. «Wir verweisen auf hilfreiche Angebote und geben Tipps, wo es Unterstützung gibt», erklärt Yvonne Feri. «Im persönlichen Gespräch ermuntern wir die Leute, Angebote zu nutzen. Teilweise fehlt die Übersicht und manchmal besteht auch die Angst vor einer Stigmatisierung.» Bei finanziellen Fragen wird den Anrufenden die rechtliche Situation aufgezeigt und auf die Webseite verwiesen, wo Hinweise für Corona bedingte Unterstützung zu finden sind. Zum Beispiel bei der Winterhilfe, die Geld von der Roger Federer Foundation erhalten hat. Und der Verband verfügt selber noch über einen kleinen Hilfsfonds. 

Unterstützung für getrennterziehende Eltern

Aufgabe der beiden Verbände ist es, herauszufiltern welche Ängste begründet oder unbegründet sind. Die Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter und der Präsident des Vereins für elterliche Verantwortung sind überzeugt, dass es Verständnis für beide Seiten braucht und man die Schwierigkeiten anerkennen sollte, die beide Elternteil haben. Auf beiden Webseiten finden getrenntlebende Eltern hilfreiche Informationen, Unterstützung und Beratungsangebote. Der Verein für elterliche Verantwortung setzt sich zum Ziel, die Eltern-Kindbeziehung trotz Trennung oder Scheidung möglichst uneingeschränkt beizubehalten. Der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter setzt sich für Einelternfamilien und ihre Anliegen ein. 

Tipps für Eltern

  • Trotz Corona-Krise und Social Distancing haben Kinder ein Anrecht darauf, den anderen Elternteil auch nach einer Trennung weiterhin zu sehen. Achten Sie darauf, dass Sie das Besuchsrecht einhalten. Suchen Sie nach Alternativlösungen falls Treffen aus gesundheitlichen Risiken vorübergehend nicht möglich sind.
  • Suchen Sie auch als getrenntlebende Eltern gemeinsam nach Lösungen, um den Alltag besser zu meistern. Versuchen Sie sich gegenseitig zu unterstützen. 
  • Auch wenn Ihre Paarbeziehung in die Brüche ging, Ihr Kind hat ein Recht darauf, mit beiden Elternteilen in Kontakt zu bleiben. 
  • Holen Sie sich Hilfe, wenn Ihnen alles zu viel wird und Sie nicht mehr ein und aus wissen. Mögliche Anlaufstellen sind der Verein für elterliche Verantwortung oder der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter.